Hände vom Kopf weg! Du Scheißhammel. Du Mastschwein! Du Elender!" schrie Muth wie ein Tobsüchtiger. Trotz der Kälte wurde es mir warm im Kopf. Die innere Empörung trieb mir das Blut nach oben. So etwas mußte man sich von einem Mithäftling gefallen lassen.

Links von mir stand ein Greis von über 70 Jahren. Er zitterte vor Kälte wie Espenlaub. Hinter mir flüsterte ein baumlanger, häßlich abgemagerter Mann mir ins Ohr, er habe gehört, ich sei Pfarrer, auch er sei Priester. Da Muth gerade wieder laut brüllend Ruhe forderte, wagte ich keine Antwort.

Vor uns trabte Muth noch immer nervös auf und ab. Es näherte sich ihm ein kurzgewachsener Mann. Es war Willy Bader, der Stuben­älteste der Stube drei und vier. ,, Bei mir sind alle angetreten", mel­dete er Muth einsilbig und verschwand. Draußen auf der Lagerstraße gingen lange Kolonnen im Schritt schweigsam zum Appellplatz. Da nun elektrisches Licht das ganze Lager überstrahlte, konnte man Tausende und Abertausende von Männern reihenweise vorbeimar­schieren sehen. Wir Ankömmlinge wurden während der vierwöchigen Quarantaine in unserer Blockstraße gezählt. Unser freundlicher Stu­benältester Kopp machte nach einer Weile seinem Chef Muth die Mel­dung, daß alle Männer der Stube angetreten seien. Es fehle nur Nikolaus Cordonnier. Dieser Mann habe die Füße geschwollen und könne kaum stehen. Man möge ihn mitzählen, ohne daß er angetreten wäre. Muth stürzte in die Stube hinein und schrie: ,, Saupfaff, heraus zum Appell! Heraus du altes Wildschwein, auch wenn du krepierst! Für dich sehe ich schon lange schwarz." Muth zog den Geistlichen aus der Stube und stieß ihn in die Blockstraße. In meiner grenzenlosen Empörung wäre ich gerne dem Barbaren an den Hals gesprungen. Wie konnte der kaum 30jährige Flegel einen so alten Priester derart mißhandeln! Pfarrer Cordonnier verschwand in einer Reihe. Da standen wir nun in steter Aufregung schon über eine halbe Stunde. Mir froren die Knochen im Leibe. Die meisten Kameraden stampften mit den Holz­schuhen auf den Boden, um sich die Füße etwas zu erwärmen und hatten die Hände in die Hosentaschen vergraben. Bald gröhlte Muth wieder: ,, Die Tatzen aus der Tasche! Kein Fuß bewegt sich mehr!" Er stürmte zur Türe, die zur Lagerstraße führte, und kam mit einem SS- Mann heran. Schon von weitem lautete der Befehl: ,, Stillgestanden!

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