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Täglich plauderte ich viele Stunden lang mit ihm. Als gläubiger Katholik schloß er sich gerne uns Geistlichen an, ohne der Überzeugung anderer Leidensgenossen nahe zu treten. Kopp hat es glänzend verstanden, manche tieftraurige Stunden unseres vierwöchigen, leidensreichen Aufenthaltes im Sperrblock Nr. 15 aufzuhellen. Er wurde im Laufe des Jahres 1943 zur Wehrmacht entlassen. Auch unser Blocksekretär, ein Tscheche, Lehrer von Beruf, blieb uns Neulingen ein herzensguter Nothelfer. In noch besserer Erinnerung steht uns Kamerad Schremmer, unser Kantineur, der als Lehrer zugleich unsere sogenannte Umschulung zu leiten hatte. Dieser schlanke Mann, mit .einem bleichen Gesicht und freundlichen Augen, war nicht aus der Ruhe zu bringen. Hunderterlei Fragen wurden ihm täglich gestellt. Jeder wollte gerne wissen, wie es im Lager zugehe, welche Arbeit man bekomme, ob Dachau so schlimm sei, wie man uns erzähle usw. Eine freundliche Antwort blieb nie aus. Wenn man sich Alarmberichte über gute oder schlimme neue Maßnahmen von Ohr zu Ohr tuschelte, verzog Schremmer kaum das Gesicht und meinte stets recht trocken: ,, Kinder, laßt euch nicht aufregen! Glaubt nichts! Das sind lauter Latrinenparolen." Unser Kantineur und Lehrer gehörte den hochgebildeten Kreisen an; er leitete als Direktor den Münchener Theatinerverlag und war wegen seiner katholischen und königstreuen Gesinnung hinter den Stacheldraht gekommen. Auch Schremmer brachte den kranken Kameraden im geheimen das hl. Abendmahl. Der allgemein hochgeschätzte Mann soll Ende 1944 entlassen worden sein.
Neben diesen Kameraden, die zum Personal gehörten, hatte ich auch bald gute Freunde unter den Neuankömmlingen. Der 69jährige Geistliche Cordonnier, ein Belgier, war mir besonders lieb. Dieser noch rüstige, stark gebaute Priestergreis hatte schon einige Monate in verschiedenen Gefängnissen zugebracht. Viele Hungergeschwüre plagten ihn. Bei der Ankunft in Dachau wurde er von der SS aus dem Autobus hinausgeworfen. Cordonnier hatte sich das Nasenbein gebrochen. Der kurzsichtige Mann verlor dazu seine Brille und konnte jetzt nicht mehr lesen, was ihm ungemein leid tat. Auch war sein ganzes Antlitz durch Wunden entstellt. Dieser feinfühlige frühere Seminarprofessor von Liège brachte sein Talent als Lehrer mit ins Dachauer Lager. Wie oft trat er aufklärend, vermittelnd und auch zurechtweisend auf!
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