4. Ankunft in Dachau

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,, Dachau , alles aussteigen!" rief jemand in den Gefangenenwaggon. Wie ein Stich ging es mir durch das Herz. Still stieg ein Vaterunser zum Himmel auf. Wann werde ich den Bahnhof wiedersehen? Bald schrie eine schnauzige Stimme: ,, Zu fünf aufstellen, auf gehts, etwas flinker, ihr Schweine!" Ohrfeigen und Fuẞtritte fehlten nicht. Die Ankömmllinge schritten vom Bahnhof zu einem Autobus. ,, Auf gehts, auf gehts, hineinspringen, na, mal was schneller, ihr Ölgötzen." Rasch gesagt für die Jungen, doch wie konnten wir Alten so schnell hinauf­springen? Gerade wollten meine Hände den Rand des Wagens um­klammern, um den Versuch zu machen, mich langsam hinaufzuziehen, da griff mich ein SS- Mann am Gesäß- ein wuchtiger Stoß- der bischöf­liche Kommissar war wie ein Tier hinaufgeworfen. ,, Alte Sau, leg Dich hin, sonst werden wir Dir die Rippen spalten", war die Begleitmusik. Bald waren wir im Lager. Stockfinstere Nacht. ,, Aussteigen, auf gehts, auf gehts, ihr Giftkröten! Bei uns gehts im Sturmschritt." Die Jungen sprangen ab. Wir Alten rutschten nach. Wiederum Fußtritte und Rippenstöße.

In einem Zimmer begann das Einzelverhör. Eine anständige Feder vermag nicht, alle Ausdrücke wiederzugeben. Über meine angebliche Haushälterin sind abfällige Worte gefallen. Der Dreckspatz, der so unflätig redete, war doch etwas betroffen, als ich langsam, mit Würde, antwortete: ,, Meine Haushälterin ist meine alte Mutter, 82 Jahre alt, die jetzt daheim um mich Tränen vergießt." Das Scheusal änderte mir gegenüber jetzt den Ton. Er schämte sich, dachte vielleicht auch an seine Mutter. Nach dem Verhör nahmen uns Häftlinge auf, also Kameraden. Sie redeten auch nicht gerade sauber und gingen gar nicht anständig mit uns um. Eine tieftraurige Erfahrung schon gleich am ersten Abend, daß in Dachau oftmals der Häftling des Mithäftlings grau­samer Peiniger war. Wir mußten uns auskleiden, alle Habseligkeiten abgeben und wurden vom Kopf bis zu den Füßen rasiert. Dann ging es ins Bad . Nach dem Aufenthalt in der Nürnberger Dreckhalle wirkte diese Dusche wie eine Erlösung. Plötzlich drang die Stimme des Pfarrers Müller am mein Ohr: ,, Goldschmitt, komm her! Man er­säuft mich." Im Baderaum stand eine große Bütte; darin war reich­

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