Mitgefangener, der lothringische. Pfarrer Müller aus Guenetrange, spielte am Sonntag die Orgel. Mir war die Ehre zuteil, die Epistel und das Evangelium auf der Emporbühne deutsch vorzulesen. So hatten wir beide Gelegenheit, in der Kapelle einander schriftlich zu trösten. Tags- über konnte ich auch verstohlen ein paar Minuten mit dem Rasierer und einigen Mithäftlingen etwas sprechen. Ach, wie tat mir dies so wohl! Eine süße Erholungsstunde war der sogenannte tägliche Spaziergang. Wir Internierten liefen, einer hinter dem anderen, schweigend im Vier- eck des Gefängnishofes,'ermutigten uns mit ein paar Worten ganz. geheim oder warfen uns stumme, aufmunternde Blicke zu, obwohl an jeder Ecke ein Wärter spähte, der uns das bißchen Freude vergällte. Schlimm war besonders der Oberwärter, ein dürrer Mann mit falten- reicher, lederartiger Gesichtshaut. Zerberus, der dreiköpfige Höllen- portier, muß in der Phantasie der Griechen so ausgesehen haben wie dieser gefürchtete Oberaufseher, der überail seine bösen Blicke hinschleuderte, um einen. Gefangenen zu erwischen, anzubrüllen und zu bestrafen. Pfarrer Müller bekam schon gleich am ersten Tage Schreibverbot, da er mir ein paar Worte zugeflüstert hatte, obwohl ich mehr sprach als er. Immerhin genoß man in diesem Hof frische Luft, und die Glieder kamen etwas in Bewegung.

Eine böse und doch so gute Fliege brachte mir Trost. Sie legte nämlich ihr Gift in einen meiner Finger, der anschwoll und stark eiterte. Alles ertrug ich gerne, da der kranke Finger mich zu Menschen brachte, mit denen ein paar Worte gesprochen werden konnten. Fast täglich auf der Verbandsstation bei Pfleger Müller, oft auch vor derHöhensonne. Und da hatte der brave Sanitäter es so ein- gerichtet, daß Lothringer zusammentrafen. Welche erlösenden Plau - dereien trotz des eiternden Fingers! Mit Schrecken sah ich der Heilung entgegen. Doch Müller drückte beide Augen zu, als meine Blicke bettelten, und ließ auch den geheilten Finger von der Höhensonne bestrahlen, nur um uns Freude bereiten zu können. Tröster und Helfer war auch der Wärter Willy Glysner aus Holz bei Saarbrücken . Obwohl ihm Gefängnis drohte, schlich er sich oft in meine Zelle, legte Butterbrot, Wurst und Obst auf das Bett und brachte Nachrichten'von meiner Schwester, die jeden Mittwoch frische Wäsche besorgte, ohne mich sehen zu dürfen. Er erzählte mir unter anderem, daß er am

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