Wir durften jetzt von daheim Breviere kommen lassen und religiöse, Gegenstände bei uns tragen. Die schwerkranken Priester konnten die Sterbesakramente empfangen.

Auf den polnischen Militärpfarrer folgte als Kapellencapo der österreichische Geistliche Dr. Ohnmacht, und nach dessen Befreiung im Frühjahr 1943 Georg Schelling , auch ein Österreicher. Kardinal Faulhaber ernannte im Jahre 1944 Schelling zum Dechanten unserer Dachauer Priestergemeinde. Schelling war ein edler Priester. Seiner feinfühligen Diplomatie gelang es in kurzer Zeit, fast alle Beschrän- kungen abzuschütteln. Wir hatten jetzt meist jeden Morgen zwei hl. Messen, die wir Priester abwechselnd lasen. Jeder Geistliche konnte nun einmal im Jahre zelebrieren. Die gemeinsame Konsekration hörte schon im Jahre 1942 auf. Wir kommunizierten wie die Laien. Es war ergreifend, wenn vier Confratres in armseligen Häftlingskleidern, oft- mals barfuß, mit dem Ziborium von Reihe zu Reihe sschritten. Von nun an ignorierten die SS-Leute die Kapelle fast vollständig. Sie ließen uns in unserem Gotteshause nach eigenem Gutdünken schalten und walten, ernannten sogar für die beiden Pfarrerblocks meist Geistliche als Personal. Jetzt waren wir ungestört, die Herren im eigenen Hause und konnten die Gottesdienste genau nach den Vorschriften der Li- turgie feiern.

Jeden Sonntag hatten wir vor dem Appell eine Frühmesse, und um acht Uhr ein feierliches Hochamt mit Predigt. Die großen Feste wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Allerheiligen..... gestalteten sich ebenso würdig und weihevoll wie in einer Kathedrale. In dem letzten Halbjahr vor derBefreiung hielt unser Bischof Piguet oft feierlichen Pontifikalgottesdienst.

Unter den Priestern und Laien waren außergewöhnliche Talente, wortgewaltige Redner, gottbegnadete Sänger, auch Musikkenner von internationalem Ruf. Ich nenne nur den Stadtpfarrer Adam Ott aus Mainz , den Dominikanerpater Roth und den Pallotinerpater ‚Kentenich aus Schönstadt , deren Ansprachen und religiöse Vorträge unvergeßlich bleiben. Viele Meister der Instrumentalmusik stellten uns ‚ihr. bestes Können zur Verfügung. Sie besorgten die Einübungen der Gesänge oder bedienten in der Kapelle die Instrumente, wie der frühere Opern- dirigent Kulawik, auch der holländische Dirigent des Radioorchesters

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