HIELDEGCARD SCHADEN
Die Verfasserin des folgenden Beitrages, die Tochter eines evangelischen Theologieprofessors aus Kiel , wandte ihr Studium und ihre Promotion der osteuropäischen Geschichte und Christenheit zu. Schmerzlich empfand sie den Zusammenbruch der akademischen Freiheit und Brüderlichkeit durch den Nationalsozialismus . Zunächst mehr aus menschlicher Achtung als in bewußter Glaubensverbundenheit trat sie 1934 der Bekennenden Kirche bei. Der Tod des Vaters 1936 führte sie in die aktive Gemeindearbeit und zum theologischen Studium neben ihrem Berufsdienst. Die Teilnahme an der Kirchlichen Hochschule in Berlin , die 1937 verboten wurde, und die Übersendung von Liebesgaben an deutsch-jüdische Evakuierte in Polen zo-. gen ihr mehrere kurze Polizeiverhöre zu. Seitdem wurde sie bespitzelt. Im Herbst 1943 erfolgte ihre Verhaftung durch die Geheime Staatspolizei . Nach zweimonatiger Einzelhaft erhielt sie, ohne Zulassung eines ordent- lichen Gerichtsverfahrens, den„Schutzhaftbefehl“ wegen„Judenbegünsti- gung“. Nachdem sie ein halbes Jahr Einzelzelle im Berliner Gefängnis ab- gesessen hatte, kam sie in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück bei Neustrelitz . Die Auflösung des Lagers beim Anmarsch der Russen gab ihr am 28. April 1945 die Freiheit wieder.— Der nachstehende Bericht erscheint in erweiterter Form beim Verlag ‚„‚Haus und Schule“ in Berlin .
Mein erstes Vierteljahr der Einzelhaft im Berliner Polizeigefängnis war vorüber. Es war Sonnabend vor dem ersten Advent. Um Mittag hatte es Fliegeralarm gegeben. Rasch waren meine paar Habseligkeiten zusammen- gepackt, jetzt stand ich, bis in die Knochen frierend, zitternd, hungrig in meiner kahlen Zelle, an deren schimmelnden Wänden die Wassertropfen herunterliefen. Die angekündigten fremden Flugzeuge ließen auf sich war- ten. So nahm ich meine Bibel heraus, die ich auf meine Bitte im Gefäng- nis noch haben durfte. Ich wußte, mir stand heute ein noch schwererer Kampf bevor als der mit Einsamkeit, Hunger und Kälte: der Kampf mit dem Bibelwort. Rüsten wollte ich mich auf das Fest der Ankunft des lebendigen Herrn, von dem die Schrift sagt, er sei uns unsichtbar gegen- wärtig und werde einst sichtbar wiederkommen zu uns als der Herr über
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