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Als Angela krank im Revier lag, schlichen Nettchen, Alfredine und ich, wenn es nur irgendmöglich war, für ein paar Minuten zu ihr, immer dar- auf lauernd, daß die SS-Wache uns nicht erwischte. Nettchen arbeitete in der Küche und hatte manchmal ein„erganisiertes“ Stückchen Margarine oder etwas Marmelade für die kranke Angela. Und dieser standen die Trä- nen in den sanften Augen. Wieviel Heimweh hat sie gehabt nach ihren Eltern und Geschwistern in Holland, . mit denen sie jetzt glücklich wieder vereint sein darf!
Hier im KZ. konnte man an lebendigen Beispielen lernen, wie man leidet, um Christi Glauben zu verteidigen und so zu sterben, wie die großen Blut- zeugen Christi gestorben waren, großmütig und unschuldig. Hier fanden sich unter den wenigen katholischen Frauen Apostel und Engel. Bewußt haben wir aus unserem felsenfesten Glauben das Fiat gesprochen: Wenn wir hier sterben oder getötet werden, wollen wir Gott danken, daß er uns zu diesem Opfer auserwählt. Erfuhren wir doch in dieser Hölle soviel sichtbare Gnade, wie sie im gewöhnlichen Leben nur selten einem Men- schen zuteil wird. Solche Güte und Gnade Gottes gab uns dic Kraft, aus- zuhalten bis zum Ende. Und wir wußten es: Trotz al!er schlimmen Ver- folgung in Deutschland wird die katholische Kirche leben.
Oft habe ich mich an ed'en Polinnen erbaut, die in ihrer Gesamtheit tief religiös und gottvertrauend waren. Geschickt verstanden sie es, an beson- deren Festtagen noch am Abend, wenn die Nachtwache vorüber war, mit aller Inbrunst ihren Gottesdienst gemeinsam in der elenden Baracke abzu- halten. Einmal hatte ich Gelegenheit, an einer ihrer Feiern teilzunehmen. Von ganzem, Herzen habe ich mit ihnen gemeinsam gebetet und gesungen. Wir alle wähnten uns in einer Kirche versammelt, und unser„Gloria“ und „Credo“ wird Gott im Himmel erbarmt und erfreut haben. Schmerzlich war es für uns katholische Häftlinge, auf die Eucharistie verzichten zu müssen. Um so inniger erglühte in der brennenden Sehnsucht nach dem „Brot der Engel“ unsere Andacht, unsere Liebe.
Und erst die Polinnen, die erschossen wurden! Eine solche Bereitschaft, eine solche Haltung habe ich nie sonst gesehen. So sterben Märtyrer, dachte ich. Sie waren in der Tat Zeuginnen ihres Glaubens, ihrer Heimat, ihres Volkes. Ihr Leben und Sterben mahnte uns, getreu bis in den Tod zu kämpfen.„Es geht ja in den Himmel, Nanda“, sagte mir eine ältere Po- lin, Mutter von vier Kindern, von denen sie seit Jahren nichts mehr wußte und die sie längst im Himmel glaubte. Gott allein weiß, wie es uns bel -solchen Erschießungen zumute war. Konnten nicht auch wir eines Tages dazu gehören?
Ein Herzensbedürfnis ist es mir, ein wenig von den armen. mir als„.Block- älteste“ des Blockes II über ein Jahr lang anvertrauten Dirnen und Aso-
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