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Sieger in Fesseln : Christuszeugnisse aus Lagern und Gefängnissen / herausgegeben von Konrad Hofmann, Reinhold Schneider, Erik Wolf
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Am Sonntag erfolgte das Wecken etwas später. Da fielen Frühmesse und Andacht fort. Statt dessen hatten wir Gottesdienst in der Blockkapelle. Nach dem Morgenappell hatten die Katholiken Predigt und Hochamt, dann folgte unser Gottesdienst, alle Monat einmal mit einer Feier des heiligen Abendmahles verbunden. An sich durften nur Geistliche teilnehmen. Aber wir hatten auch aus manchem anderen Block gute Freunde, die im stillen regelmäßig ihren Platz bei uns einnahmen. Daneben hielten wir kleine Zaungottesdienste für solche, die am Vormittag nicht kommen durften und die das Evangelium mit großer Begier und Dankbarkeit aufnahmen. Zu meiner unbeschreiblichen Freude besuchte mich meine Frau am ersten Weihnachtstag in Dachau . Auf ihre Frage, ob sie noch einmal in Berlin wegen Freilassung vorstellig werden solle, antwortete ich mit einem Nein, da ich noch meine Aufgabe im Dachauer Bruderkreis zu deutlich vor Au­gen hatte. Gegen Ende des Winters hatte ich die besondere Freude, Mar­ tin Niemöller , der ganz von uns getrennt im ,, Bunker" lebte, in der Zahn­klinik eine Stunde lang zu sprechen, ihn so frisch vor Augen zu haben wie nie zuvor und mich mit ihm wie in den guten Tagen der Bekennenden Kirche zu verständigen, jetzt über den weiteren Weg der Evangelischen Kirche in Deutschland nach Eintritt der Katastrophe.

Am 18. April 1944 wurde ich wider Erwarten frei; meine Frau hatte es bei Himmler erwirkt. Am Karfreitag wurde mir eine Erklärung vorgelegt, ich sollte unterschreiben, daß ich mich in Zukunft aller politischen Betätigung enthalten wolle. Ich betonte, ich hätte es auch bisher nicht getan, sondern nur meinen Dienst am Wort ausgeübt und unterschrieb. Am 18. April folgte dann die zweite Erklärung; sie sei nur eine andere Form der ersten Danach solle ich mich einer abfälligen Kritik des Nationalsozialismus ent­halten; es wurde mir aber die Ausübung meines evangelischen Prediger­berufes ausdrücklich gewährleistet. Nur wegen dieses Predigtdienstes war ich aber verhaftet, nicht etwa wegen einer Kritik des Nazitums. Ich hatte seit Jahren den Rat eines Freundes befolgt, weder eine politische noch eine unpolitische Predigt zu halten, sondern eine biblische, die allerdings poli­tische Wirkung haben müßte. Und eben solche politische Wirkung meiner biblischen Predigt war mein Weg ins Gefängnis und Lager gewesen. Bei Wiederaufnahme meines Predigtdienstes mußte ich sofort wieder mit einer gleichen Wirkung rechnen. Tatsächlich bin ich Sommer 1944 nur wie durch ein Wunder daran vorbeigekommen, daß ein bereits in Berlin gegen mich ausgestellter neuer Haftbefehl mich nach Dachau zurückbrachte. Meine Er­klärung der Gestapo gegenüber hatte das Einverständnis der Dachauer Brüder. Mit ihnen fühle ich mich bis auf den heutigen Tag in jener geist­lichen Gemeinschaft verbunden, die uns als Gemeinde unter dem Kreuz Jesu Christi geschenkt worden ist.

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