und der starken Seele Eurer Mutter getragen. Ihr werdet das erst später
verstehen. Haltet auch Ihr Geschwister fest und immer fester zusammen. Daß Ihr so verschieden seid, ist jetzt noch manchmal Anlaß zum Zank, Wenn Ihr erst älter seid, werdet Ihr Euch dafür um so mehr geben kön- nen. Mal ein Zank ist nicht so schlimm. Tragt ihn aber nicht mit Euch herum. Denkt dann an mich, und gebt Euch schnell wieder vergnügt die Hand. Helft Euch, wo Ihr könnt. Ist einer traurig oder mißmutig, kümmert Euch, bis er wieder heiter ist. Lauft nicht auseinander; pflegt, was Euch zusammenführt. Spielt, singt und tanzt miteinander, wie wir es so oft ge- macht haben. Schließt Euch mit Euren Freunden nicht ab, wenn Ihr die Geschwister teilnehmen lassen könnt. Das festigt auch die Freundschaft. Ich trage an meiner rechten Hand den Ring, mit dem mich Mama glück- lich gemacht hat. Es ist das Zeichen, daß ich ihr und auch Euch gehöre. Der Wappenring an meiner Linken mahnt an die Familie, der wir ange- hören, an die Vor- und Nachfahren. Er sagt: Höre die Stimme der Ver- gangenheit. Verliere dich nicht selbstherrlich an die flüchtige Gegenwart. Sei treu der guten Art deiner Familie und überliefere sie Kindern und Enkeln.
Liebe Kinder, versteht nun diese besondere Verpflichtung recht. Die Ehr- furcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zu- kunft geben fürs Leben die rechte Haltung. Haltet stolz zu Eurer Familie, aus der solche Kräfte wachsen. Stellt Ansprüche an Euch und Eure Freunde. Nach Anerkennung streben, macht Euch unfrei, wenn Ihr sie nicht mit Anmut auch entbehren könnt, und das gelingt nicht jedem. Horcht nicht auf billigen Beifall.
Die Menschen, die Euch sonst begegnen, nehmt, wie sie sind. Stoßt Euch nicht gleich an dem, was fremd ist oder Euch mißfällt, und schaut auf die guten Seiten. Dann seid Ihr nicht nur gerechter, sondern bewahrt Euch selbst vor Engherzigkeit. Im Garten wachsen viele Blumen. Die Tulpe blüht schön, aber duftet nicht, und die Rose hat ihre Dornen. Ein offenes Auge aber freut sich auch am unscheinbaren Grün. So entdeckt man bei den Menschen meist verborgene, erfreuliche Seiten, wenn man sich erst einmal in sie hineinversetzt. Wer nur mit sich beschäftigt ist, hat dafür keinen Sinn. Glaubt mir aber, liebe Kinder, das Leben erschließt sich Euch erst dann im kleinen Kreise und im Großen, wenn Ihr nicht nur an Euch, sondern auch an die anderen denkt, sie miterlebt. Wer beim Musizieren sich nur an seine Stimme klammert oder gar nur sich selbst hören will, dem entgeht das Ganze, Wer es aber recht erfühlt, lebt auch beim edlen Verklingen seines Instrumentes mit in den anderen Stimmen. Wenn Ihr Euer Leben so einstellt, wird es von diesem weiten Geiste ganz und gar durchdrungen. Es geht nicht nur darum, hin und wieder hilfsbereit einzu-
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