die Priesterweihe im KZ. Aber zunächst war die Erlaubnis des zuständigen Bischofs einzuholen. Auf einen Brief an Leisners Eltern erfolgte die An- frage beim Ordinarius von Münster . Seine für uns alle beglückende Ant- wort lautete:„Ich gebe gern die Erlaubnis, aber unter der Bedingung, daß alles rite und für die Zukunft nachweisbar vollzogen wird.“ Nun hieß es, alles zu organisieren, was für die Ordination erforderlich war. Beherzte Frauen aus Dachau und München spielten heimlich Kurier zwischen dem Dachauer Stadtpfarrer und dem Kardinal Faulhaber von München . Sie be- sorgten auf dem Weg über die„Plantage“, auf der Priesterhäftlinge ar- beiten mußten, Pontificale, heiliges Öl und was sonst notwendig war. Im Lager fertigte ein Priester aus Trier die Mitra , ein Benediktiner schnitzts aus Eichenholz den Bischofsstab mit dem Wappen und der Inschrift Victor in vinculis(In Fesseln siegreich), ein Russe schmiedete in der Waffen- werkstätte Brustkreuz und Ring. Alles mußte ganz im Geheimen vor sich gehen. Kein Außenstehender durfte davon erfahren. Was wäre uns ge schehen, wäre die Lagerleitung dahinter gekommen!
Es war der Sonntag Gaudete im Advent 1944. Am Tage vorher hatte heimlich eine Generalprobe in unserer„Kapelle“, das war die Stube 1 im Block 26, stattgefunden. Karl, der vor Schwäche nicht mehr stehen konnte, wohnte sitzend der Probe bei. Zur Priesterweihe tags darauf er- schien der Häftlingsbischof in einem Chormantel, die Mitra auf dem ge- weihten Haupte. Ich war inzwischen Blockältester geworden und durfte Archidiakon sein. Nie habe ich mein Jawort so gern und freudig, nie auch so ergriffen gegeben wie in dieser heiligen Stunde, nachdem der Diakon sechs Jahre lang Exerzitien des Duldens im KZ. gemacht hatte. Wahrlich, ein hartes Priesterseminar! Weil der Patient es körperlich nicht ertragen konnte, daß alle Priester des Blockes bei der feierlichen Handlung zugegen waren, wurden nur die ältesten Priesterkameraden und die dreißig Theo- logiestudenten zur Priesterweihe geladen; die Letzteren sollten in ihrem künftigen Priester!eben und bei allem Priesterwirken daran denken, wie unser Karl im KZ. gelitten, gebetet, geopfert und gesühnt hat, aber auch von Gott die große Gnade erhielt, in seiner Verbannung durch das Sacer- dotium gekrönt zu werden. Am Stephanstage, am Tage der Primiz, kam
dann die zweite Hälfte der Priesterhäftlinge dazu, um auch an dieser Feier
teilzunehmen, bei der wohl kaum einer die Tränen unterdrücken konnte,
Die Priesterweihe selbst bot ein erschütterndes Bi!d. Der Weihekandidat bleich, abgezehrt, zitternd, in seiner Zebra-Uniform am Altare. Der Bischof in Pontifikalgewändern, unter denen die Sträflingshosen hervorschauten, wie der Kandidat alle Anwesenden in Häftlingskleidern. Karl Leisner sitzt auf einem Holzschemel. Ganz nahe bei ihm stehen die dreißig Prie- ster aus der Diözese Münster , die damals noch lebten. Einzeln legen sie
36


