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Sieger in Fesseln : Christuszeugnisse aus Lagern und Gefängnissen / herausgegeben von Konrad Hofmann, Reinhold Schneider, Erik Wolf
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keiten des Gefängnisses blieb, doch bald wie eine fast ungefährliche und unbeschwerte Zeit. Jetzt war nämlich nicht nur die Anklage weit ernster, auch die Behandlung der Verhafteten und namentlich die Methoden der Vernehmungen hatten sich erschreckend verschlimmert. Allgemein wurden die Untersuchungsgefangenen von vornherein in der Verpflegung, in den Arbeitsverpflichtungen und auch sonst wie Strafgefangene behandelt, und zur Erpressung von Geständnissen waren scheußliche Quälereien an der Tagesordnung.

Vor allem war die Ablehnung des Herrn Christus durch die Polizei und die sonstigen Behörden viel offener spürbar geworden. Meine Bibel durfte ich im Gerichtsgefängnis nicht lesen; nur durch die Freundlichkeit eines Mitgefangenen, der die Bücherei verwaltete, erhielt ich ein Neues Testa- ment. Bei der Einlieferung in den Gewahrsam des Reichssicherheitshaupt- amtes in Berlin wurden Bibel, Losungsbuch und Gesangbuch mit höhnischen Bemerkungen abgenommen; sie wurden erst nach Wochen mit der Ertei- lung der Leseerlaubnis zurückgegeben. Aber Seelsorge und Gottesdienste für die Gefangenen blieben verboten. Dennoch hat der Herr Christus über alle Widerstände der Gestapo hinweg hinter den Mauern der Gefängnisse und Konzentrationslager kräftig gewirkt. Aus den Zellen ließen sich ge- sungene Liturgien oder Choräle vernehmen, besonders am Sonntag, und im Konzentrationslager erklang abends, nachdem tagsüber die erzwungenen krampfhaft-lustigen Marschlieder der unglücklichen Insassen uns bedrückt hatten, oft ein schöner und mehrstimmig gesungener Choral.

Etwa seit der Jahreswende 1944/45 änderte sich der Ton und das Benehmen der Beamten zu uns. Manche suchten sich, wohl in Erwartung eines baldi- gen Zusammenbruchs des Dritten Reiches , mit uns gut zu stellen, viele wurden unglaublich bestechlich, im ganzen wurden die Vorschriften lässiger durchgeführt. Überhaupt war die SS. durch die unzähligen zwangsweisen Einberufungen keineverschworene Gemeinschaft mehr, und unter den Bewachungsmannschaften gab es nicht wenige, die ebenso dachten wie wir, zum mindesten freundlich zu uns waren. Dadurch ergaben sich mehr Ver-

zwischen den Gefangenen. Mitgefangene Pfarrer konnten Kalfaktoren werden und dadurch auch gelegentlich allein von Zelle zu Zelle gelangen. Sie nutzten dies, um denen, die danach verlangten, heim-

_ lich das Abendmahl zu reichen und denen nahe zu sein, die so lange allein, so dankbar wie noch nie in ihrem Leben, Gottes Wort gelesen und inbrün- stig gebetet hatten, gestärkt und beglückt durch die treue Fürbitte von Verwandten, Freunden und Gemeinden. Seit Februar 1945 durften wir bei Fliegeralarm die Zellen des Kellergeschosses aufsuchen. Als russische Ge- schütze und Granatwerfer das Gefängnis zu beschießen begannen, wurde der Aufenthalt im Keller tags und nachts gestattet, ohne daß noch eine

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