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VI
Frau Beate verbrachte die erste Nacht in der Zelle völlig ohne Schlaf. In ihren Mantel eingehüllt, lag sie auf dem Boden neben der mädchenhaften Frau, die sich Alix nannte, während die gesprächige Frau Lukasch das Bett mit der mutlosen Beamtenwitwe teilte, die noch einmal ihren Sohn sehen wollte. Eine empfindliche Nachtfrische strömte durch das zerbrochene, vergitterte Fenster in der Ecke.
Um neun Uhr erlosch die winzige Lampe, und die Nacht lag wie ein schwarzer Block in der Zelle, bis auf einen düsteren. Lichtschimmer beim Eckfenster, dessen Gitterstäbe dunkel hervortraten. Das Geschwätz der Frauen dauerte aber noch bis in die späte Nacht hinein.
Die dicke Frau Lukasch mit den roten Bäckchen führte das große Wort. Da sie morgen ihren Termin vor dem Volksgericht hatte, genoß sie heute den Vorzug, das Bett zu benutzen und hatte das Recht, soviel zu sprechen wie sie wollte.
Seit Wochen hatten ihre Mitgefangenen nichts anderes von ihr gehört als ihre Geschichte, die sie längst mit allen Einzelheiten auswendig kannten, trotzdem mußten sie die alte Sache nochmals mitanhören, da Frau Beate heute dazugekommen war, die ihre Geschichte noch nicht kannte. Frau Lukasch hielt es auch für ratsam, ihr Gedächtnis für den morgigen Termin nochmals aufzufrischen.
,, Sie sollen nun sehen, meine Dame", begann Frau Lukasch in der Finsternis ,,, wie sich meine Nichte, die Emmy, benommen hat, und Sie werden staunen, daß so etwas überhaupt möglich ist. Meine Nichte, die Emmy, kam verhungert in mein Haus, sie wog damals nicht mehr als achtundneunzig Pfund, nach zwei Jahren aber wog sie einhundertunddreißig. Sie half bei mir in der Wirtschaft, weil sie zu schwach für eine andere Arbeit war, aber als sie sich herausgemacht hatte, nahm ich sie in das Ladengeschäft herunter. Wir hatten damals eine gutgehende Fleischerei, der Walter und ich. Der Walter, das war mein Geselle, aber er lebte bei mir. Die Emmy war nun eine ganz erste Kraft im Laden und dabei goldehrlich, ich kann es nicht anders sagen. Der Herings
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