I
Die Sirene heulte. Erst war es ein lautes Stöhnen, das aus der Tiefe der Erde zu dringen schien, um zum tobenden Gebrüll eines zornigen, höllischen Stiers anzuwachsen, das die Luft erschütterte und die Trommelfelle zerriẞ. Das Dröhnen schwoll einige Male drohend an und ab, um endlich in Jammern und Gewinsel zu ersterben.
Frau Beate legte sich fröstelnd ein Tuch um die Schultern und trat auf die Terrasse ihres Hauses hinaus. Augenblicklich kam Nero, der Bernhardiner, aus dem Garten zu ihr herauf. Er sprang an ihr in die Höhe, winselte und kläffte und legte ihr die schweren Pranken auf die Brust, während er aufgeregt keuchte und ihr den feuchten, heißen Atem ins Gesicht stieß. Er suchte Schutz und Hilfe bei ihr vor dem nahenden Schrecken, denn er wußte, daß sie die ruhigste von allen im ganzen Hause war. Unruhig funkelten seine Augen vor ihrem Gesicht.
"
türe.
Wo bist du, Mama?" fragte Christa erregt in der Zimmer
,, Hier, dicht an der Wand, Christa", antwortete Frau Beate mit ruhiger Stimme. ,, Nero ist bei mir, du hörst ihn ja keuchen. Vernünftig sein, Nero!" Frau Beate war bei jedem Angriff voller Furcht und Grauen, wußte sich aber so vorzüglich zu beherrschen, daß sie vollkommen besonnen erschien.
Die Scheinwerfer schossen ihre scharfen Lichtpfeile in die Finsternis der dunklen Frühlingsnacht hinein, erst zwei, dann drei, dann ein Dutzend und mehr. Sie tasteten sich zu den vereinzelten großen Sternbildern empor, kämmten vorsichtig durch dünne Wolkenschleier, die wie das zarteste Frauenhaar da und dort zwischen den Sternen hingen, sie verschwanden urplötzlich, um augenblicklich wieder aufzuzucken und über den Himmel zu geistern.
24 Totentanz
369


