Druckschrift 
Totentanz / Bernhard Kellermann
Entstehung
Seite
199
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I

Milliarden und Billionen von Gedanken und Gefühlen bilden ein Volk, nichts anderes. Dies war die Äußerung, die Fabian in die Augen sprang, als er Christas ersten langen Brief entfaltete, und er hörte ihre Stimme dabei in seinen Ohren klingen, als lese sie die Briefstelle vor.

Diese Weisheit hatte, wie Christa schrieb, der Abt eines Klosters in einer Unterhaltung ausgesprochen, ein ehrwürdiger Priester mit schneeweißem Haar, in den sie sich verliebt hatte. Ja, wahrhaftig verliebt.

Fabian spürte Unruhe im Herzen, als er dieses Eingeständnis. las, obschon sie mitteilte, daß der Abt alt und schneeweiß war und die runzligen, eingefallenen Lippen einer alten Frau hatte.

Diese Milliarden und Billionen von Gedanken und Gefühlen werden in gewissen Zeiten gut und edel sein, in einer anderen Zeit aber niedrig und böse. Wehe aber dem Volk, wenn die Schale der bösen Gedanken das Übergewicht bekommt über die Schale des guten, so sagte der Priester.

Christa schilderte ausführlich, wie sie den greisen Abt kennen­lernte, als sie im Hof des Klosters der ,, Drei Samariter" bei Rom aquarellierte. Der ehrwürdige Priester hatte sie angesprochen, und sie war augenblicklich berauscht von der herrlichen Rein­heit seiner leuchtenden, bernsteinbraunen Augen, als er zum erstenmal mit ihr sprach. Meine Tochter pflegte er sie zu nennen. Er war Österreicher von Geburt, lebte aber schon vierzig Jahre in Italien . Bald kam es dahin, daß sie stundenlang zusammen plauderten. Zuerst redeten sie von allgemeinen Dingen, dann versteifte sich der Abt auf politische Gegenstände, besonders auf die politische Lage in Deutschland .

Es sähe betrüblich in der Welt aus und eine schwere Prüfung sei über die Menschheit hereingebrochen.

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