‚Heute konnte man wirklich sehen, was an einem Menschen
daran war!
Ja, und du lieber Himmel, heute konnte man auch sehen, daß fast jedermann, der etwas auf sich hielt, Mitglied der Partei war! Gerichtspräsident Liborius, Museumsdirektor Graß, Direktor des Krankenhauses Sandkuhl, Justizrat Schwabach, natürlich, er spielte ja eine ganz große Rolle in der Partei, Rektor des Gym- nasiums Pett, Medizinalrat Haverlag, die Professoren Koppen- heide und Rhode, Direktor der Kunstschule Sanftleben, alle, ein- fach alle. Die Herren sahen sämtlich würdig, gut genährt und zu- frieden aus, manche hatten sich im Laufe ihres Lebens Schmer- bäuche erworben und viele zeigten ihre glänzenden Glatzen, die man sonst überhaupt nicht sah, da sie Hüte trugen. Es war mit einem Wort die Creme des Bürgertums der Stadt.
Im Hintergrund des Saales hielten sich Scharen von meist jungen Leuten in brauner Uniform auf, die ohne jede Scheu plauderten und scherzten. Selbst einige Grauköpfe waren unter den braunen Soldaten, und in ihrer Mitte sah man die großen durchscheinenden Ohren des Schusters Habicht rot aufleuchten.
Es mußte in Wahrheit auffallen, wie wenige der Anwesenden. nicht der Partei angehörten. Vielleicht waren viele nicht ein- geladen worden? Fabian hatte eine Liste von achthundert Per- sonen aufgestellt, die letzte Sichtung aber hatte sich Taubenhaus vorbehalten. Zu den Parteilosen, die auf den ersten Blick auf- fielen, zählte Wolfgang Fabian, der mit fröhlicher Miene durch den Saal blickte, bald aber seine Unbefangenheit verlor, da er einer gewissen Zurückhaltung begegnete. In seiner Nachbarschaft saß Lehrer Gleichen, der mit düsteren Augen abseits Platz ge- nommen hatte und mit niemand ein Wort wechselte. Seine Menschenscheu war bekannt, man erinnerte sich auch, daß er an. die Dorfschule von Amselwies strafversetzt worden war, weil er, wie man sagte, die Hakenkreuzfahne nicht gegrüßt hätte.


