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Totentanz / Bernhard Kellermann
Entstehung
Seite
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Frau Beate Lerche-Schellhammer fehlte bei keiner Einladung, ebenso Christa, die mit der Tochter Fahles, Marion, befreundet war. Doktor Krüger, der frühere Bürgermeister, war hier öfter zu deutete Gast, Wolfgang Fabian, der Bildhauer, verkehrte häufig dort, er

henden unserm

gehen war vielleicht der einzige Mann in der Stadt, mit dem der Sani- tätsrat wahrhaft befreundet war. Als Wolfgangs Freund, Lehrer -h dem Gleichen, vor einem Jahr an die Dorfschule von Amselwies straf-

versetzt wurde, führte er ihn bei Fahle ein, und die beiden ver-

standen sich sofort. Ein seltener Mensch, sagte der Sanitätsrat, er

beherrscht gleich zwei Dinge meisterhaft: Schweigen und Schach - spielen! Die beiden spielten jeden Montag abend eine Partie - Schach, und an diesem Abend durfte sie niemand stören.

Fabian selbst kam nur selten nach Amsel. Ein einziges Mal hatte ihn Clotilde begleiten dürfen, die vor Erstaunen völlig schweigsam wurde.Warum hast du nicht solch einen Besitz? fragte sie erregt und blaß.Da könnte man menschenwürdig leben! Tagelang kam sie nicht darüber hinweg.Dieser Ge- schmack, diese Möbel! Wir leben ja im Vergleich dazu in einer

-$pelunke! Nun, hoffentlich lädt mich Fahle bald wieder ein. Aber der Sanitätsrat erwähnte ihren Namen nicht mehr.

Bei seltenen Gelegenheiten gab Fahle auch größere Einladungen, intime Tees, wenn er inländischen und ausländischen Ärzten und Gelehrten, die ihn besuchten, einige seiner, Freunde und Bekann- ten vorstellen wollte.

Das Gebäude war ein ausgedehntes, sehr einfach gebautes - Landhaus, das beim ersten Anblick enttäuschte, denn man er- - wartete, nachdem man soviel gehört hatte, stets eine Art Schloß zu sehen. Im Grunde genommen war es eigentlich nichts als eine einzige, durch alle Stockwerke gehende Bibliothek. Die einzelnen Räume waren eingerichtet mit meist alten, kostbaren Möbeln, die der Sanitätsrat im Laufe seines Lebens erworben hatte. Die Gasträume waren kleine Wohnungen, die mit jedem erdenkbaren Komfort ausgestattet waren. Hier hatten schon englische Lords, Nobelpreisträger, Mitglieder der französischen Akademie wieder- holt viele Tage und Wochen gewohnt. Man mußte allerdings = Weltruf besitzen, um dazu aufgefordert zu werden. In der Stadt IN erzählte man sich wahre Märchen von den Badezimmern, die

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