Druckschrift 
Totentanz / Bernhard Kellermann
Entstehung
Seite
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I

Neu gestärkt und voller Zuversicht erwachte Fabian am Morgen. Er machte Toilette und kleidete sich mit großer Sorg- falt an, wobei er sich aufmerksam im Spiegel musterte. Er war zufrieden mit sich, die Kur hatte einen neuen Menschen aus ihm gemacht! Da es schon auf zehn Uhr ging, beeilte er sich beim Frühstück, das er wie gewöhnlich allein im Speisezimmer ein- nahm. Sein Urlaub ging morgen zu Ende, er wollte sich aber schon heute eine Stunde in seinem Büro einfinden. Übrigens hatte er an diesem ersten Tag nach langer Abwesenheit alle Hände voll zu tun.

Als er sich dem Zimmer seiner Frau näherte, um sie zu be- grüßen, hörte er fröhliches Geplauder und Lachen. Clotilde hatte Besuch. Das war ihm für die erste Begegnung nur angenehm, denn Clotilde pflegte in Gegenwart von Besuch gewöhnlich liebenswürdiger zu ihm zu sein, als wenn er sie allein antraf, wo sie ihn gern ihre'momentane Laune fühlen ließ.

Wer ist da? fragte er Martha, die aus der Küche heraus- blickte, als sie seine Schritte im Korridor vernahm.

Baronin Thünen ist soeben gekommen, antwortete das Mädchen. ga

Er trat ein. Clotilde reichte ihm die Hand zum Kusse, und die Begrüßung spielte sich in einer Weise ab, daß jedermann glauben mußte, die Gatten hätten sich schon gestern abend gesehen.

Clotilde trug ein neues auffallendes Morgenkleid und kokette, lackrote Pantöffelchen, die ihre zierlichen Füße gut zur Geltung brachten. Sie war in den letzten Monaten etwas voll geworden, besonders ihre Brust erschien in dem losen Morgenkleid zu üppig. Das blonde Haar trug sie in einem lockeren, verschwen- derischen Schopf, unter dem ihre Augen von blassem Blau schimmerten. Es waren jene betörenden Vergißmeinnichtaugen, die Fabian einst zu lyrischen Ergüssen begeistert hatten. Das war nun schon viele Jahre her.

Ihr gegenüber saß Baronin von Thünen, deren helle Augen ihn erfreut grüßten.

Die Baronin, überschäumend von Lebendigkeit und Frische,

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