Inzwischen sind doch noch Häftlinge gekommen, etwa dreißig serbische Bäuerinnen.

Der einzige freie Weg führt über das Bahngelände. Das Betreten eines Bahngeländes ist verboten. Wir Deutsche sind gut dressiert. Wir achten Verbote. Darum gehen die Deutschen lieber in den Tod, als daß sie ein Verbot übertreten.

Wir sind die ersten, die es ,, wagen", die niedrige Mauer zu übersteigen. Wohl hundert Menschen schließen sich an.

Ein Eisenbahner kommt uns entgegen. Nein, er rügt nicht unsere Respektlosigkeit vor bahnpolizei­lichen Vorschriften. Er ist dankbar, Menschen zu sehen. Er zeigt uns den Weg, er begleitet uns ein

Stück.

Wir gewinnen freies Gelände.

Ein leiser Regen fällt. Er durchfeuchtet uns. Wir geben uns ihm dankbar hin.

Dann trenne ich mich von den anderen: ,, Zu­sammen können wir nicht bleiben. Seht, daß ihr Landsleute trefft. Einen anderen Rat kann ich euch nicht geben." Wir drücken uns die Hand.

Ich suche Bekannte. Sie wohnen außerhalb der Stadt in einem Villenviertel. Die Häuser stehen dort in Gärten weit voneinander ab. Trotzdem brennt das ganze Viertel, trotzdem sind die Straßen voll Rauch und Hitze, unbetretbar.

Ich umgehe die Stadt. Die Stadt ist ein Flammen­meer. Die Flammen sind grün, violett und gelb.

Ich gehe wie ein Tier, vorsichtig und zugleich mit sicherem Instinkt. Dumpf hallen die Detonationen der Zeitzünder. Die Flammen prasseln. Ich bin in allem mittendrin und zugleich unendlich fern, als ob ich auf einer Brücke hoch und frei, jenseits aller Gefahr über die Stadt schritte.

90