hörten die Schüsse und wir sahen sie fallen: einige rollten in den Graben, andere fielen in das Gras jenseits des Stacheldrahtes. Ein Stückchen weiter wurde eine Gruppe SS - die Hände über den Kopf verschränkt- abgeführt; aber das alles schien uns noch völlig unwesentlich.
Vorsichtig betraten die ersten Amerikaner unser Lager- ihre Maschinenpistolen schußbereit-, sehr groß, breitschultrig und dick: ,, Hallo boys, here we are!" Nun gab es kein Halten mehr.
In einem einzigen, brüllenden, jubelnden, langanhaltenden Schrei entlud sich die aufgespeicherte Spannung der letzten Stunden, und Tausende stürzten auf die Amerikaner zu: lachend, weinend, rufend...
Jetzt, da ich wieder hier in der Stube sitze, um das alles aufzuschreiben, wundere ich mich eigentlich, daß ich so- nüchtern war, und noch immer bin.
Die große, echte Freude, die ich doch empfinden müßte, ist noch nicht da- will noch nicht in mir aufkommen.
Als ich die ersten Amerikaner im Lager sah, dachte ich nur: So, da seid ihr also; endlich; es wurde auch verdammt Zeit... Sonst eigentlich nichts.
Abends 10 Uhr
Als vor einer halben Stunde die Bilder von Hitler und Himmler aus den Fenstern der Kommandantur auf den Appellplatz flogen und dort wütend in tausend Stücke gerissen wurden, da fühlte ich: Das war der Augenblick, den wir seit Jahren herbeigesehnt hatten, nun war der Zeitpunkt gekommen, für den wir gelebt, gekämpft und gelitten hatten, für den so viele unserer besten Kameraden ihr Leben gelassen hatten... Endlich war er also da- der große Augenblick!
Ich glaube nicht, daß ich in dieser Minute an mich selber dachte, ich fühlte nur, daß dies ein historischer Augenblick war: ein Ende- und ein Anfang.
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