Nahm an Rheinhardt denkend- sein Bändchen Rilke zur
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Hand und las einige Verse; da trafen mich die folgenden Zeilen ganz besonders tief- es war, als ob sie ein guter Freund für mich spräche:
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,, Ich kann nicht glauben, daß der kleine Tod, dem wir doch täglich übern Scheitel schauen, uns eine Sorge bleibt und eine Not.
Ich kann nicht glauben, daß er ernsthaft droht; ich lebe noch, ich habe Zeit zu bauen: mein Blut ist länger als die Rosen rot."
26. April, 8 Uhr früh
Es war also doch keine ,, Parole": General Delestrin ist füsiliert worden. Seine Karte in der Kartothek wurde gegen eine andere umgetauscht: Abgang durch Tod.
Ich weiß nicht genau, welche Rolle Delestrin in Frankreich gespielt hat, weiß nur, was er selber dann und wann darüber erzählte, doch ich glaube, daß man später noch viel über ihn lesen wird. Ich werde ihn dann immer wieder so vor mir sehen, wie er mich jeden Morgen begrüßte; mit seiner etwas altmodischen chevaleresken Höflichkeit, die hier auffiel, aber die mir stets aufs neue imponierte, weil sie bei ihm wirklich echt war, so durchlebt. Und vor allem auch die Bewegung, mit der er erst seinen alten, völlig verschlissenen Militärhandschuh auszog, bevor er mir die Hand reichte.
Eine Stunde später
Pat, der amerikanische Pfleger aus 9, flüsterte mir soeben zu, daß eine der Aufseherinnen wichtige Briefe vom Schreibtisch des Kommandanten weggenommen und kopiert hat. Er habe die Abschriften selber gesehen! Es handelt sich um einen Be
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