Druckschrift 
Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
Seite
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1. März

Heute wieder in Stube IV vom ,, Scheißereiblock" gewesen. Ich mußte den Pfleger rufen, der hinten in der Stube beschäf­tigt war, konnte es aber in dieser Luft nicht länger als fünf Minuten aushalten. Alles riecht hier nach Auswurf, Kot, Urin, nach verunreinigten Laken und Matratzen.

Urin

Aus den oberen Betten tropft der Urin durch- und nicht nur sickert dann weiter bis in die untersten Reihen, wo sie sowieso schon in durchnäßten, beschmutzten Betten liegen. Größeres Elend ist kaum vorstellbar...

Die meisten dieser Kranken haben keine Widerstandskraft mehr. Sie liegen unbeweglich, starren still vor sich hin, lassen alles laufen und warten nur noch auf den Tod.

2. März

Immer mehr Tote. Nun bereits seit Wochen: Tote, Tote, Tote... Heute, bis jetzt schon hundertzweiunddreißig; in unserer Stube IV.

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Ich habe mir geschworen, alles zu tun, meine ganze Kraft da­für einzusetzen, um diese Toten später wieder lebendig wer­den zu lassen- in allem, was ich schreiben werde! Diese Ge­storbenen müssen leben, damit die Lebenden, die nach ihnen kommen, nicht sterben müssen. Ich will am Leben bleiben, um sie wieder leben zu lassen. Ich fühle, daß diese Verpflich­tung schwer auf mir lastet, doch wenn ich sie nicht mehr fühlte, dann würde auch ich bereits eine leichte Beute des Todes sein.

3. März

Während des Luftalarms pries Suire wohl eine Stunde lang begeistert die Schönheiten der Kathedrale von Chartres . Er ist dort geboren und aufgewachsen, kennt jedes Fenster und jedes Portal, jeden Bogen der Kathedrale. Mich rührte vor allem,

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