Ich muß immer wieder an seine weitgeöffneten Augen denken, wie sie mich gestern anstarrten, wie er da gestern lag, mitten unter den anderen nackten Leichen, auf den nassen Steinen, halb im Rinnstein, zwischen den schmutzigen Papierverbänden voller Eiter und geronnenem Blut.
27. Februar
Um nicht dauernd nur an die Toten und die Sterbenden denken zu müssen und um meine Gedanken zu etwas anderem zu zwingen, habe ich einige Gedichte von Rilke aus seinen ,, Duineser Elegien" und die ,, Sonette an Orpheus " gelesen. Wenn ich ehrlich sein will, muß ich offen zugeben, daß ich einige dieser Verse vielleicht nicht ganz bis in ihre tiefste Tiefe verstanden habe, aber doch soviel, um nun gut zu begreifen, warum Rheinhardt gerade diese beiden Bände immer bei sich trug- bis zu seinem Tode.
Er hat gefühlt, daß Rilke in diesen Gedichten immer wieder bewußt im Niemandslande zwischen Leben und Tod verweilte, und diese Gedankensphäre war ihm- vor allem hier sicherlich zutiefst verwandt.
Auch bei ihm waren die Grenzen zwischen Leben und Tod bereits verwischt lange bevor er starb.
-
28. Februar
Wollte heute wieder Blut spenden, aber Dr. Drost war entschieden dagegen. Neunmal sei genug, meinte er, auch weil ich sonst vielleicht nicht mehr genügend Widerstandskraft haben würde, für den Fall, daß auch ich Flecktyphus bekomme.
1
Er hat recht, das fühle ich selber, aber ich hätte es doch gern getan, besonders da es die beiden letzten Male bei dem jungen Jugoslawen und dem Österreicher- anscheinend geholfen hat.
236


