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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
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20. Februar

Dr. Krediet ist seit Stunden nicht mehr bei Bewußtsein. Auch mit ihm dürfte es also wohl bald zu Ende gehen...

Der SS - Chefarzt, der anscheinend fürchtet, daß er in Kürze nicht mehr über genügend Hilfskräfte verfügen wird, da nun auch so viele Ärzte sterben, hat heute nachmittag- Dr. Kre­diets wegen einen merkwürdigen Befehl erlassen: ,, Der Mann muß durchkommen!"

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Denkt dieser von Eigendünkel aufgeblasene SS- Mann, weil er kommandieren kann: ,, Dieser Mann muß sterben!"- einen Befehl, den er viele, viele Male erteilt hat, daß er selbst den Tod terrorisieren und zwingen kann, ihm zu gehorchen?

Abends

Ich bilde mir in den letzten Wochen oft ein, daß ich Typhus­kranken ansehen kann, ob sie genesen werden oder nicht: an der Art, wie sie auf die Krankheit, auf das Fieber reagieren, ob sie sich kampflos in das Unvermeidliche fügen oder da­gegen angehen, und vor allem an ihrer Lagermoral... Für Rheinhardt habe ich nicht viel Hoffnung.

21. Februar

Dr. Krediet ist heute nacht gestorben.

Besonders bei den Holländern herrscht große Niedergeschla­genheit. Er war so beliebt, vor allem auch bei denen, die mit ihm zusammen aus Natzweiler gekommen sind.

Unmittelbar nach dem Ausbrechen der Epidemie stellte er sich zur Verfügung- freiwillig. Er war ja auch der einzige Arzt hier, der den Flecktyphus und seine Bekämpfung aus der Pra­xis kannte.

Tagein und tagaus war er in den Typhusbaracken, saß er an den Betten, ging er zwischen den herabhängenden Decken hin­durch. Daß er sich dabei eines Tages selber anstecken mußte,

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