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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
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doch die Klassen sich mischen und alle dasselbe Leben leben. Man teilt mir mit, daß Sie seit zehn Jahren große Fortschritte in der Richtung auf diese Einheitlichkeit des gesellschaftlichen Lebens gemacht hätten; indessen sehe ich noch nicht die Haupt­frucht, die in einer gemeinsamen Literatur besteht, in der sich mit Talent oder Genie alle Arten des nationalen Geistes aus­drücken, eine Literatur, die von allen geliebt, bewundert, ent­gegengenommen und diskutiert wird. Ich kenne wohl die sehr respektablen Namen, die Sie mir entgegenhalten werden. Trotz­dem kann ich nicht finden, daß Ihr neues Reich das gebracht hat, was man von einer Regierung erwarten darf, in der sich alle Kräfte des deutschen Genius vereinigen. Der deutsche Ge­nius ist groß und machtvoll; er bleibt eines der wichtigsten Organe des menschlichen Geistes; aber Sie haben ihn in den Schraubstock gespannt, und darunter leidet er. Wir sind über­zeugt, daß Sie sich selbst wiederfinden und daß wir einmal von neuem zusammenarbeiten werden- im Streben nach allen Dingen, die Anmut, Heiterkeit und Glück in das Leben tra­

gen...

13. Februar

Habe den Blockschreiber von 29 nach dem Besitzer des Bu­ches von Renan gefragt, doch da gestern fünf Franzosen bei ihm gestorben sind, konnte er sich nicht mehr an den Namen erinnern, wußte nur noch, daß er sehr mager gewesen ist, Flecktyphus hatte und Hungerödeme und Phlegmone an bei­den Beinen.

Doch daran kann ich ihn in der Totenkammer bestimmt nicht mehr erkennen so sehen hier fast alle Toten aus.

Bin aber dann doch noch nach der kleinen Straße vor der To­tenkammer gegangen, um ihn zu suchen-- ihn zu grüßen, aber die Russen vom Krematoriumkommando waren gerade dabei, die Leichen aufzuladen. ,, Heute wieder hundertfünfundvierzig." Unbekannter Kamerad wie war dein Name? Wie gerne wäre ich dein Freund gewesen...

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