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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
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Habe hier und auch als ich in Einzelhaft in Scheveningen saẞ, oftmals lange darüber nachgedacht: Wir schleppen einen viel zu großen Bestand an Tatsachenmaterial mit uns herum, so­wohl auf literarischem als auch auf geschichtlichem Gebiet; viel unnötigen Ballast, von dem wir meinen, unterwegs nichts verlieren, nichts vergessen zu dürfen, und wir sind uns viel zu­wenig bewußt, daß dies alles nur als Stein zu dem Fundament die­nen darf, auf dem wir dann die Synthese aufbauen müssen. Wenn wir aber das Sammeln von Wissen so fortsetzen, auf diese allzu einseitige Art, nach diesem üblichen Schema, dann werden wir niemals zu einer Synthese kommen, da wir sekundären Un­tersuchungen und Analysen noch viel zu großen Wert beilegen.

18. Januar

Ich glaube, daß meine Gespräche mit Steensma einen gewis sen Einfluß auf meine weiteren Studien ausüben werden. Seit drei Monaten kenne ich ihn nun; seit dem Morgen, an dem er nach der Räumung des Lagers Natzweiler mit anderen Schwerkranken hier hereingetragen wurde. Einige Tage später erfuhr ich, daß er Englandfahrer war ein Pilot der KLM , der mehr als zehnmal die Indienroute geflogen hat. Sein rechtes Bein ist amputiert noch in Natzweiler -, und in den ersten Wochen in Dachau schien es, als ob er es nicht schaffen würde. Politisch gehen unsere Meinungen sehr auseinander, und ich vermute, daß wir uns darüber noch oft in den Haaren liegen werden; doch ich sehe in ihm den ständigen Gast von Regionen, die mir völlig fremd sind, und von denen ich doch gern mehr wissen möchte. Ich idealisiere ihn keineswegs, aber er stand jahrelang in Kon­takt mit anderen Gewalten, hat wirklich in anderen Sphären gelebt, und ich bin überzeugt, daß er mir davon viel Merk­würdiges berichten kann. Er versprach, mir regelmäßig eini­ges über Astronomie zu erzählen. Von literarischen Dingen weiß er wenig- er hat Physik studiert-, ich weiß wenig über die Sonne und die Sterne. So können wir unser Wissen gegenseitig ergänzen und beide daraus Nutzen ziehen.

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