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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
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16. Januar

Heute früh wurde Rheinhardt als Revierpersonal entlassen! Für ihn als Arzt heißt das: Verlegung in einen der Quaran­täneblocks, in denen Flecktyphus herrscht. Dort wird er sich aller Wahrscheinlichkeit nach anstecken, und da er schon weit über Fünfzig ist, dürfte das wohl seinen Tod bedeuten. Dabei hat er nicht die geringste Veranlassung zu seiner Ent­lassung gegeben, der einzige Grund ist, daß der Oberpfleger lieber einen Polen neben sich haben will, jemanden ohne Ver­antwortungsgefühl, aber keinen Arzt wie Rh., der dies in hohem Maße besitzt.

Ich werde auf alle Fälle versuchen, mit dem Kapo ü er Rh. zu sprechen, vielleicht kann man doch noch etwas tun.

Nach dem Appell

Ich habe den Revierkapo darauf aufmerksam gemacht, daß Rheinhardt in einer Quarantänebaracke wahrscheinlich sterben würde. Ihm gesagt, daß wir für die Typhusblocks doch noch genug jüngere Ärzte haben, die infolge ihrer Jugend viel we­niger gefährdet wären.

Er will es sich durch den Kopf gehen lassen...

Ich fürchte jedoch, daß er es bei der getroffenen Maßnahme belassen wird. Er ist der Kamarilla der polnischen Pfleger so wenig gewachsen und wird wohl schlapp wie immer- Rh. gehen lassen. In den sicheren Tod.

17. Januar

Habe heute nacht lange über das nachgedacht, was St. mir von der Astronomie erzählte. Ich spüre immer mehr, daß mein Weltbild doch eigentlich noch recht unvollständig ist- daß meine Studien und meine Entwicklung vielleicht zu ein­seitig sind; übrigens die der Mehrzahl meiner Freunde eben­

falls.

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