Druckschrift 
Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
Seite
182
Einzelbild herunterladen

27. Dezember

Während der ,, Mittagsruhe" hatte ich ein sehr ausführliches und interessantes Gespräch mit Miesen. Er fragte mich nach meiner Meinung über Kierkegaards Philosophie. Ich antwor­tete, daß ich lange nicht alles von K. gelesen habe, aber der Ansicht bin, daß er in seiner Lehre versucht, die enge Ver­bundenheit von Mensch und Gesellschaft zu leugnen und zu zerreißen, daß er seinen Lesern immer wieder vorhält und be­weisen will, daß das Leben keinerlei Wert hat, und niemals einen Wert bekommen wird.

--

zu

Ich machte ihn auf das große unter. Hitlers Regime neuem Leben erwachte Interesse für diesen Philosophen auf­merksam, auch auf die vielen neuen Ausgaben und Interpre­tationen seiner Werke, auf die immer häufigere Nennung sei­nes Namens in der offiziellen deutschen Presse und fragte ihn, ob das nicht eigentlich ein Beweis dafür sei, daß Kierke­ gaards Ideen keineswegs im Widerspruch stehen zu... der faschistischen Ideologie.

-

,, Ebenso wenig übrigens, wie die Theorien deines Professors Heidegger", sagte ich dann noch aber da ging der Krach los! Miesen ist nämlich ein Schüler Heideggers, hat bei ihm Kolleg gehört und begann sofort über dessen Lehren zu re­den: vom Dasein, dem In- der- Welt- Sein, daß wir in einem ,, Seinsverständnis" leben, über dessen Thesen von der Ge­worfenheit des Daseins, vom Mit- Dasein und so weiter.

-

Ich gebe und gab gern zu, daß Miesen diese Materie durch und durch beherrscht und daß ich nur versucht habe, das Buch von Prof. Waelhens über Heidegger durchzuarbei­ten. Auch bei ihm fand ich, genau wie bei seinem großen Lehrmeister Kierkegaard , dieselbe Angst vor dem Leben, die gleiche Auffassung von der Zweck- und Nutzlosigkeit des Le­bens, die Behauptung, daß alle Hoffnung eitel und es daher sinnlos sei( denn das ist letzten Endes die Konsequenz), an die Kräfte des Lebens zu glauben und zu appellieren. Also kein Kampf gegen die Kräfte und Mächte, die das Le­ben vernichten wollen? Daraus würde meiner Meinung

182

-