Druckschrift 
Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
Seite
173
Einzelbild herunterladen

Fliegen dienen, die August tagtäglich so feierlich in diese Stube bringt...

Jeden Morgen Punkt zehn Uhr. Und täglich dasselbe Schau­spiel: Voran Professor Schilling, der hier das Kommando führt( ein alter, bärbeißiger Kerl, vor dem alle Angst haben), gefolgt von zwei Pflegern, und hinter ihnen August mit sei­nen- durch eine Art Käseglocke überdeckten- Fliegen, die er so vorsichtig und feierlich vor sich her trägt, als ob er in einer Pro­zession schritte, mit dem Allerheiligsten in seinen Händen. Diese Fliegen werden also dazu benutzt, um hier bei Häft­lingen zur Zeit fast ausschließlich bei Italienern, Zigeunern und Russen, so erzählte mir der alte Deutsche- Malaria her­vorzurufen. Versuche, an denen bereits Hunderte gestorben sind und an denen noch viele, viele sterben werden. Kurz nach zwei Uhr war wieder Luftalarm. Der Pole, dem ich helfen mußte, überall das Licht auszudrehen, und den ich um seine Meinung fragte über das, was ,, sie" hier tun, nannte , wissenschaftliche Untersuchungen zum Besten der deut­schen Kolonien".

-

Dabei haben sie gar keine Kolonien mehr und werden wohl auch niemals wieder Kolonien bekommen!!!

Als ich dann durch den dunklen Gang nach Baracke 15 ging, fiel in unmittelbarer Nähe des Lagers eine schwere Bombe. Ich fühlte mich sehr allein und verlassen eigentlich zum erstenmal, seitdem ich hier bin.

Kurz nach drei Uhr war die Gefahr vorüber, und ich machte meine letzte Runde. Der alte Deutsche war noch immer wach, und wie­der winkte er mir. Nachdem er sich erst vorsichtig und mißtrauisch vergewissert hatte, daß seine Nachbarn schliefen, flüsterte er mir zu, mich vor allem vor August in acht zu nehmen. Dann warnte er mich auch noch eindringlichst vor dem Professor! ,, Schilling", sagte er ,,, kontrolliert nämlich jeden Morgen sehr genau und äußerst sorgfältig die Fiebertabellen und ist selbst bei dem unbedeutendsten Versehen unerbittlich. Für

-

-

den kleinsten Irrtum und für den geringsten Fehler fliegt man bei ihm sofort in den Bunker oder bekommt fünfundzwanzig auf den Hintern.

173