Druckschrift 
Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
Seite
172
Einzelbild herunterladen

kauft

sen. Die würden mir unter allerlei Vorwänden täglich Laken und Handtücher und Unterwäsche abschwindeln, alles natürlich ohne Empfangsbescheinigung, so daß ich nach einer Woche ,, ausver­und dafür verantwortlich gewesen wäre! Anfangs begriff W. meine Weigerung nicht, hielt mich, glaube ich, für undankbar und für einen Besserwisser und sagte zum Schluß ziemlich un­freundlich: ,, Na, dann eben Nachtpfleger- Malariastation." In einer Stunde fängt mein neuer Dienst an...

13. Dezember

Diese Nacht werde ich niemals vergessen.

Es schien doch alles so einfach: dreimal in der Nacht Fieber messen, Puls fühlen und die Ergebnisse in die Fiebertabellen einzeichnen. Weiter nichts. Doch ich hatte sofort ein eigen­artiges Gefühl, als ob hier irgendwo und irgendwie Gefahr drohte.

Um neun Uhr machte ich meine erste Runde.

,, Paß vor allem auf, daß du mit August, dem dicken Pfleger von der Malariabaracke, keinen Krach bekommst", warnte mich noch der alte Pole von der Nachtwache, als ich wegging. Fünfzig Patienten. Fünfzigmal Fiebermessen und fünfzigmal den Puls fühlen.

Viele hatten über vierzig und phantasierten. Das Pulszählen und die Eintragungen in die Listen machten die meiste Arbeit. Dann bis zwölf Uhr warten; um zwölf Uhr die zweite Runde. Bei einigen war das Fieber plötzlich jäh gestiegen, bei an­deren gefährlich gefallen.

Als ich fertig war, winkte mich aus einer Ecke ein älterer Deutscher an sein Bett. Er war so erfreut, daß ich deutsch sprach, daß er mit mir reden konnte! Er erzählte, er habe hier schon viele Hunderte sterben sehen und ihn selber hät­ten ,, sie" hier zum Krüppel gemacht: Er hat nämlich- als erstes ,, Resultat" von Schillings Versuchen- einen Arm verloren. Plötzlich kam mir wieder voll und ganz zum Bewußtsein, was sich hier eigentlich abspielt! Nun weiß ich auch, wozu die

172