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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
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Im Jahre 1763 in Leipzig geboren, studierte er dort Theolo­gie, verließ aber mit achtzehn Jahren seine Vaterstadt und machte sich mit einigen Büchern und etwas Wäsche im Ruck­sack auf den Weg nach Paris . Bestimmt nicht, weil er es in seinem Vaterland so herrlich fand!

Kaum unterwegs, wurde er durch Agenten des Landgrafen von Hessen aufgegriffen. ,, Was hatte er denn verbrochen?", höre ich im Geiste K. fragen. Er hatte nichts verbrochen, aber der Landgraf von Hessen brauchte Geld und verkaufte daher seine Untertanen als Soldaten nach Amerika . Seume be­kam eine Uniform und wurde zusammen mit einigen Dutzend anderer armer Teufel, die von den Werbern- zur Zeit nennt man diese Herren ,, Beamte der Werbestelle"- mehr oder we­niger gewaltsam angeworben waren, vorläufig einmal in eine Kaserne gesteckt.( Auch das kennen wir.)

Einige Wochen später wurde er dann nach Amerika trans­portiert. Seume selbst hat diese Periode seines Lebens aus­führlich beschrieben, aber leider ist dieses Buch nicht in der Lagerbibliothek.

Kaum ist er wieder zurück in Deutschland , als er auch schon desertiert. Aber der Dichter wird durch die Preußen( immer diese Preußen!) wieder gefangengenommen und nach Emden gebracht. Ein neuer Fluchtversuch mißlingt wiederum, und er sollte sogar zum Tode verurteilt werden, als einer der Offi­ziere des Kriegsgerichtes zu seinem größten Erstaunen be­merkt, daß der Angeklagte... Verse von Vergil auswendig kannte. Darauf wurde er nicht nur amnestiert, sondern der General machte ihn sogar auch noch zum Erzieher seiner bei­

den Kinder.

Später wurde er gegen Kaution freigelassen, war 1792 als Magister in Leipzig tätig, trat dann in russische Dienste, ret­tete beim Kosciuszko-Aufstand in Warschau mit knapper Not sein Leben und kehrte in sein Vaterland zurück. Göschen, der Verleger, stellte ihn als Korrektor ein, aber diesen Beruf hatte Seume sehr schnell satt: ,, Wenn ich so fort korrigiere, fürchte ich nur, mein ganzes Leben wird ein Druckfehler", notierte er damals.

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