20. Oktober
Mir ist aufgefallen, wie gezwungen Wiardi Beckman oft im Umgang mit anderen Häftlingen ist, besonders wenn es sich um Nichtakademiker handelt, wie gezwungen seine Gespräche mit Arbeitern sind, mit allen, die keine höhere Schule besuchten. Er wirkt dann nie natürlich. Ich glaube, daß er sich einfach nicht einfühlen kann in das, was in einem Arbeiter vorgeht, und es ist sehr schade, daß er sich so wenig Mühe gibt, sie zu begreifen.
Daß er auch anscheinend gar kein Bedürfnis dazu verspürt, wundert mich. Ein Mann, der in der Arbeiterpresse an leitender Stelle steht, müßte das doch wohl tun. Natürlich erkenne ich Wiardi Beckmans enorm große Fähigkeiten sehr gut, die ich ganz und gar nicht gering schätze, aber meiner Meinung nach liegen sie auf einem anderen Gebiet. Ich fürchte allerdings, daß er später auf dem einmal eingeschlagenen Wege weitergehen- und daß unsere Freundschaft dadurch nicht von langer Dauer sein wird.
21. Oktober
W. B. ließ mich heute ein paar Verse lesen, die er in diesen Tagen geschrieben hat. Sie haben mich tief gerührt und ihn mir wieder viel nähergebracht. Es ist ein Gedicht für seine Tochter. Wehmütig, doch keineswegs sentimental, und voll echten Gefühls. Diese reinen, ungekünstelten Verse sind echt, in ihnen ist nichts Gezwungenes, nichts von dem etwas Gewollten, Krampfhaften, das auch Geistlichen oft anhaftet, nichts von dem Zurückschrecken vor jeder natürlichen und einfachen Gefühlsäußerung. Dieses Gedicht zeugt von einer erhabenen innigen Menschlichkeit, für die ich tiefste Sympathie empfinde.
Und die letzte, nicht ganz gelungene Zeile, hat etwas Unbeholfenes, das mich rührt.
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