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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
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Gesamtheit immer nur dumm und borniert sein und bleiben kann, ohne jedes Gefühl für menschliche Größe, daß es jahr­hundertelang blind sein und bleiben wird für die Fülle des Lebens. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr neige ich zu der Auffassung, das Hölderlins Urteil eine Folge der trost­losen sozialen und politischen Verhältnisse war, unter denen er lebte, und daß es zwar als solches vollkommen begreiflich, aber doch zu einseitig ist.

Auch jetzt unter Hitler scheint die Lage tatsächlich hoff­nungsloser als je. Und doch... Auch wenn die meisten Freunde anderer Meinung sind und wir uns über diese Frage oft streiten ich sehe nicht ein, warum auch in Zukunft das deutsche Volk dumm und borniert bleiben, warum ihm auch weiterhin jedes Verständnis für mensch­liche Würde abgehen und warum es in seiner ablehnenden Haltung gegenüber den Schönheiten des Lebens verharren sollte. Nein, ich bin fest davon überzeugt, daß sich das- nach dem immer näher rückenden Zusammenbruch des Re­gimes sehr schnell ändern wird. Und ist es nicht letzten Endes auch unsere Aufgabe, daran mitzuarbeiten, dabei zu helfen?

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Einen Tag später

Beim Durchlesen dessen, was ich gestern abend über Hölder­ lin schrieb, merke ich, daß sich in meine Schlußfolgerungen ein gefährliches Mißverständnis einzuschleichen drohte. Ich habe die Realität zu wenig berücksichtigt, und das wirkt irreführend. Ich darf nämlich keinen Augenblick verges­sen, daß der größte Teil des deutschen Volkes noch hinter Hitler steht ob freiwillig oder unfreiwillig ist hierbei Nebensache. Es stand und steht noch immer hinter ihm, und auch der Krieg ist noch nicht zu Ende. Erst muß der Fa­schismus, und zwar in allen seinen Formen, vernichtet wer­den und erst dann sind Probleme wie die, über die ich gestern schrieb, an der Tagesordnung, erst dann, vor­her nicht!

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