19. September
-
K. blätterte heute in meinen Aufzeichnungen und äußerte danach sein Befremden, daß ich seiner Meinung nach- so wenig über mich selbst schreibe, nichts über meine Sorgen um Edith und Tyl, von denen ich doch so oft mit ihm spreche, so wenig von meinem eigenen grauen Elend- und auch kaum über Politik.
-
Darauf habe ich ihm ausführlich auseinandergesetzt, warum ich dieses Tagebuch so schreibe, daß es nämlich an erster Stelle ein Mittel ist, um meine Gedanken und meine Energie auf die Literatur zu konzentrieren immer wieder, möglichst jeden Tag aufs neue, um gerade dadurch nicht immer an Edith, an Tyl oder an mich selbst zu denken, nicht an Essen, Ungeziefer, Appell und so weiter. Eine Art Selbstschutz also, der mir bis heute viel und oft geholfen hat.
Außerdem kann ein Tagebuch ja auch niemals vollständig sein, das ist hier noch weniger möglich als sonst, und auch das meine enthält nur einen kleinen Teil meiner Gedanken.
Selbstverständlich denke ich trotz allem sehr viel an Zuhause, an die heutigen und zukünftigen politischen Probleme, an viele Freunde, an besseres Essen, an die Tatsache, ob ich Läuse habe oder nicht- ob das Tierchen, das mich gestern gebissen hat, eine Laus oder ein Floh war-, aber erstens kann ich das nicht alles niederschreiben, und zweitens will ich das auch auf keinen Fall. Ich müßte ja dann immer wieder über meine Hoffnungen und meine Wünsche, über meine Sorgen und mein Elend sprechen, aber ich will mich doch gerade disziplinieren, meine Gedanken sollen all das meistern, Herr bleiben über die gesamte hiesige Materie, das heißt die Materie der SS, einer Brotkruste und der Wassersuppe, der Läuse und der Flöhe...
Dabei fällt mir wieder das Goethe- Wort ein, das ich mir zur Richtschnur wählte, jene Verse, die ich bereits während meiner Gymnasiastenzeit so bewundert habe:
108


