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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
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zu verzehren drohte, und mit der er seine Überzeugung ver­kündete und verteidigte?

Und wenn er wirklich ein ,, Streber" war, wie Dr. H. noch vor einigen Tagen behauptete, dann war er das ganz be­stimmt nur in einem höheren Sinn, doch niemals für sich per­sönlich, niemals zu seinem eigenen Vorteil!

22. Juli

Das war ein ereignisreicher Tag, Stunden voller Auf­regung und Spannung! Jeden Augenblick neue Nachrich­ten, andere Berichte, die sich dann fast alle schon sehr schnell als ,, Parolen", als falsch erwiesen. Die Wahrheit über das, was wirklich passiert ist, wird wohl erst nach dem Kriege bekanntwerden. Hier behauptet jeder, etwas wissen und niemand weiß eigentlich etwas Genaues.

zu

Eine kurze Zeit lang schien es sogar, als ob sich uns in eini­gen Tagen die Tore des Lagers öffnen könnten... Aber auch diese Aussicht besteht bereits nicht mehr, denn der Anschlag auf Hitler scheint miẞglückt und der Aufstand inzwischen schon niedergeschlagen zu sein.

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Wie werden sich die Ereignisse hier, für uns,.auswirken? Ich fürchte sehr, daß nun die Wut der SS alle Gren- 1 zen übersteigen wird. Wir gehen schweren Monaten ent­gegen noch viel schwereren, als wir bereits durchgemacht haben. Ich bin nun mehr denn je davon überzeugt, daß kei­ner von uns hier lebend herauskommen, daß keiner von uns das Ende des Krieges überleben wird. Wir etwa frei, und ,, sie" dann Gefangene? Nein, das gibt es nicht; sie werden alles tun, um uns vorher zu ,, erledigen", zu ,, liquidieren"!

Und trotz alledem ist es vielleicht ein Glück, daß der Anschlag nicht gelungen ist. Er ging nämlich allem Anschein nach nur von einer kleinen Clique miẞvergnügter Offiziere aus nicht vom Volke selbst.

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