1. Juli
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In dem Bett neben mir liegt jetzt ein Amsterdamer. Ich glaube, er ist Gemeindebeamter, beim Wohnungsamt. Er ist schauderhaft langweilig und findet sich selbst bedauernswerter als irgend jemand anders auf der Welt, obwohl er nur eine kleine, unbedeutende Wunde am Bein hat noch nicht einmal eine kleine Phlegmone!
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,, Was will der
Außerdem kann er kein Wort Deutsch , so daß er mich jeden Augenblick fragt: ,, Was sagt der Mann?" Mann?" und so weiter, den lieben, langen Tag. Er hatte mir erzählt, daß er streng kalvinistisch sei, und glücklicherweise habe ich heute früh eine Bibel für ihn auftreiben können; nun läßt er mich wenigstens in Ruhe.
2. Juli
Zum erstenmal Blut ,, gespendet": dreihundertfünfzig Kubikzentimeter.
Für einen Holländer auf Saal I, dem gestern das rechte Bein amputiert worden ist. Die Transfusion hat Ali, der polnische Häftlingchirurg, vorgenommen. Ich habe nicht viel gespürt und mich hinterher auch nicht besonders schwach gefühlt.
Ich wußte nicht, daß ich dafür einen Liter Wein, ein Extrabrot und vierzehn Tage Sonderdiät bekommen würde. Obwohl diese Zusatznahrung natürlich sehr willkommen ist, war es für mich doch eine gewisse Enttäuschung; es gibt ein wenig das Gefühl, als ob ich es dafür getan hätte....
4. Juli
Eine Luther- Biographie in drei Bänden, von Rudolf Thiele, durchgearbeitet. Ich möchte sie später noch einmal lesen. Luther ist und bleibt für mich ein Genie- eine gewaltige Erscheinung. Sowohl ein Revolutionär als auch ein Reaktionär. Ich weiß noch immer nicht genau, was er eigentlich mehr war,
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