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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
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zu schimpfen: ,, chnauze halten! Ruhe ihr mit euren politi­schen Gesprächen! In Mauthausen würdet ihr dafür erschos­sen! Vught ist ja gar kein richtiges KZ! Keine Disziplin hier! Der reinste Kindergarten!"

Kaum zu glauben, daß dies alles erst einen Monat her ist...

25. Juni

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Heute mittag, während des- üblichen Luftangriffs auf München wieder genau zur selben Zeit!-, hatte ich einen heftigen Wortwechsel mit J.

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Ich glaube, nicht nur weil ich nervös war- doch als die Bom­ben fielen, sagte J.:,,Die schönste Musik, die ich kenne." Er lachte dabei und wiederholte, als die zweite Welle anflog: ,, Herrlich!" Ich war empört darüber und habe ihm das nicht verschwiegen. Es gibt nichts, was mich in dieser Situation tie­fer trifft als Frivolität. Bei einem solchen Angriff haben wir still zu sein und zu fühlen, daß sich hier eine Tragödie abspielt. Ich weiß natürlich ebensogut wie er, daß diese Bombardierungen notwendig sind, daß sonst der Sieg nicht möglich ist, aber ich kann mir nicht helfen: Men­schen, die sie als ,, herrliche Musik" empfinden, sind für mich halbe Faschisten auch wenn sie noch so gute Patrioten sind.

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Echten Humor dagegen kann ich wohl selbst in solchen Augenblicken- vertragen. Als Karl zum Beispiel gestern abend, während unmittelbar über unserm Lager ein abgeschossener englischer Flieger am Fallschirm pendelte, unseren englischen Pfleger Fred, der gerade schlafen gegangen war, mit den Worten weckte: ,, Aufstehen Fred! Kaffee kochen! Du kriegst einen Landsmann zu Besuch!" da habe auch ich herzlich ge­lacht. Humor hat in solchen Augenblicken eine befreiende Wirkung, während Frivolität dem tieftragischen Geschehen seinen geschichtlichen und politischen Charakter zu nehmen

versucht.

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