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Die heilige Kunigunde im Schnee : und andere Erzählungen / Bodo Uhse
Entstehung
Seite
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,, Als säßest du nicht schon im Unglück", widersprach eine höhnische Stimme in ihm. Sie klang wie Struwes Stimme und sie war auch nachdem die Flammen längst erloschen waren und der gründliche Hermann Stedig die Asche mit dem Schür­haken in kleinste Stücke zerrieben hatte nicht zum Schwei­

gen zu bringen.

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Tagelang stritt er sich mit ihr herum. ,, Ich", sagte er ,,, mein Leben, mein Unglück, mein, ich, mein, ich."

,, Wir", antwortete die Stimme ,,, wir, wir! Unser Leben, un­ser Unglück, unsere Zeit, unsere Zukunft! Wir, wir, wir!" Der Spiegel mit der aufgerissenen Rückwand stand neben der Waschkommode. ,, Wenn du hineinsehen könntest, hinein oder hindurch oder dahinter, dann würdest du vielleicht die Wahrheit erkennen."

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Hermann Stedig versetzte dem Spiegel im Vorbeigehen einen Tritt, so daß die blinkende Scheibe zersprang. Aber auch damit konnte er sich keinen Frieden erkaufen. Den fand er erst, als er doch eines Abends zum Häuerlein schlich und ihm alles erzählte. Der Häuerlein war zuerst voller Mißtrauen. ,, Ja, warum hast du denn die Zettel nicht aufgehoben?" sagte er mit tiefen, steilen Falten auf der Stirn. ,, Ja, warum kommst du denn erst jetzt?"

Aber dann erschien er ein paar Tage später unerwartet beim Hermann Stedig in der Wohnung. Hermann Stedig wollte ihm von neuem alles erklären, aber Häuerlein wehrte ab. ,, Zeig mir den Spiegel", sagte er. Als Hermann ihn in das Schlafzimmer führte, wo der Spiegel noch immer am Boden neben der Waschkommode stand, die Rückwand aufge­rissen und die Spiegelscheibe von Hermanns Fuẞtritt zer­trümmert, da nickte Häuerlein, und es dauerte nicht lange, da wurde aus Hermann Stedig wieder ein Mann, der seiner Zeit gewachsen war.

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