häufig solche Zettelchen an Mauern und Zäunen gesehen
hatte, wenn er abends zum Einholen gegangen war. Er sam-
melte sie auf und wollte sie in den Ofen werfen, doch da war noch der weiße Umschlag. Hermann Stedig öffnete ihn.
„Lieber Hermann“, hieß es auf dem Zettel darin, einem Kalenderblatt, auf dessen Rückseite Struwe geschrieben hatte, „ich weiß nicht, ob Du meine Anspielungen verstanden hast. Hoffentlich ja. Ich laß Dir diesen Zettel, falls ich nicht zurück- komme. Ich habe so ein Gefühl, aber vielleicht sind das nur die Nerven. Wenn Du diesen Brief finden solltest und die Klebezettel, überleg Dir noch mal, was wir zusammen geredet haben. Im Herzen gibst Du mir doch schon lange recht. Und jetzt, da ich nicht mehr da bin, kannst Du es ja auch einge- stehen. Du vergibst Dir nichts, wenn Du jetzt sagst: Der Struwe war richtig. Was Du mit den Klebezetteln anfangen kannst, weißt Du selbst. Wenn Du keine mehr hast und sonst noch was tun willst, geh zum Häuerlein— Du erinnerst Dich doch an ihn— er war ja auch in Eurem Sportverein....“
Hermann Stedig starrte auf die ungleichmäßigen Schrift- züge und ein heftiger Zorn packte ihn.
Deshalb also war Struwe zu ihm gekommen. Er hatte einen Unterschlupf gebraucht, ein Versteck, von dem aus er sein heimliches Treiben fortsetzen konnte. Dafür bin ich ihm also gut gewesen, dachte Hermann Stedig. Er hat mich einfach ausgenützt für seine Zwecke. Wahrscheinlich war damals schon, als er plötzlich nachts aufgetaucht war, die Polizei hinter ihm hergewesen.
Mit einer ärgerlichen Bewegung raffte Stedig die Klebe- zettel zusammen und verbrannte sie im Herd. Er ließ die Klappe offen und wachte darüber, daß die Flammen auch das letzte Stückchen Papier zu schwarzer Asche verwandelten.
Was für ein Leichtsinn, dachte er dabei noch immer im
Zorn, er hätte auch mich ins Unglück reißen können.
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