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Die heilige Kunigunde im Schnee : und andere Erzählungen / Bodo Uhse
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andere Sache wäre das. Da würden Dinge zutage kommen!

Denk an das, was ich dir sage: Wenn du hineinsehen könntest, hinein oder hindurch oder dahinter, dann würdest du viel­leicht die Wahrheit erkennen."

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Gelangweilt und verwundert hörte sich Hermann Stedig diese konfuse Rede an und dachte bei sich, der Struwe weiß auch schon nicht mehr, was er spricht.

Aber als Struwe wenige Tage nach diesem Gespräch wieder verschwand und nicht einen oder zwei, sondern fünf und sechs Tage fortblieb und es offenbar wurde, daß er nicht wieder­kommen werde, da mußte Hermann Stedig doch wieder an dieses Gespräch denken und daran, wie hartnäckig Struwe von dem Spiegel geredet hatte.

Voller Unruhe im neuerlich ungewohnten Zustand des Allein­seins wanderte er durch die kleine Wohnung und blieb un­willkürlich vor dem Spiegel stehen. Er starrte sein verzerrtes Gesicht darin an und fuhr mit der Hand über den Rahmen, das schwarze Holz mit den eingelegten silbernen Blättern. Und wie Struwe es an einem der ersten Tage getan hatte, wandte er den Spiegel um. Dabei riß er sich an einem der kleinen Nägel, mit denen die hölzerne Rückwand befestigt war, den Daumen auf. Er setzte den Spiegel nieder und sog das Blut aus der Wunde. Während er so am Daumen lutschend die Rückwand des Spiegels betrachtete, fiel ihm auf, daß noch einige dieser kleinen Nägel nach außen gebogen waren.

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Wenn du hineinsehen könntest, hinein oder hindurch oder dahinter" Struwes Worte fielen ihm wieder ein.

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Er beugte sich nieder und zerrte an der hölzernen Rück­wand des Spiegels. Ein Spalt öffnete sich. In seiner Ungeduld riẞ er die Holzplatte ab. Ein weißer Umschlag fiel heraus und eine Menge dünner gedruckter Zettel. ,, Der Krieg ist unser Un­glück", stand darauf ,,, Friede, Freiheit, Brot" und andere Dinge. Hermann Stedig erinnerte sich, daß er in den letzten Wochen

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