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Die heilige Kunigunde im Schnee : und andere Erzählungen / Bodo Uhse
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Jahren. Irgend etwas stimmte nicht mit ihm. Das ging schon aus seinen so merkwürdigen Gewohnheiten hervor. Seltsam war, daß Struwe offenbar keine Arbeit hatte, denn er blieb den ganzen Tag zu Haus. Dafür verschwand er aber oft nachts nach dem Abendessen und kam erst gegen Morgen zurück. Was er eigentlich trieb, war Hermann ein Rätsel. Struwe sprach kein Wort darüber, und Hermann ärgerte sich nicht wenig über die Geheimnistuerei.

,, Immerhin, im Wege ist er mir nicht", meinte er entschul­digend zu sich selbst, wenn er in einem solchen Anfall von Ärger überlegte, daß Struwe doch nicht für alle Ewigkeit bei ihm bleiben könne. Gewiß gab es auf der anderen Seite keinen Grund, warum ihr gemeinsames Wohnen und Wirtschaften ein Ende finden müsse. Hermann hatte sich auch schon so an Struwe gewöhnt, daß er wußte, wie sehr er ihn vermissen würde. Aber ein eigensinniges, rechthaberisches Gefühl in ihm sagte, Struwe werde sich eines Tages doch mit Dank für die ge­nossene Gastfreundschaft wieder auf den Weg zu machen haben.

Solche Erwägungen erfüllten Stedig vor allem dann, wenn er sich mit Struwe gestritten hatte, denn das kam auch vor. Struwe besaß neben vielen guten Eigenschaften auch eine, die Hermann Stedig schon früher lästig gewesen war, und die ihm jetzt mehr als zuvor auf die Nerven ging. Denn wenn Struwe ihn in vergangenen Jahren spöttisch eine ,, Sportratte" ge­nannt hatte oder, schon unfreundlicher, einen ,, Spießer" und wenn er ihn hatte zwingen wollen, sich wie Struwe sich aus­drückte politisch zu organisieren, so hatte Hermann dar­über einfach lachen können.

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Lachen ließ sich jetzt nicht mehr, da ja ein Blinder das bit­tere Ende des Krieges voraussehen konnte. Lachen konnte Hermann Stedig nicht mehr, der die Frau und das Kind ver­loren hatte, seine Zufriedenheit und das häusliche Dasein, und mehr noch, den Glauben an das Leben. Lachen konnte er

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