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Die heilige Kunigunde im Schnee : und andere Erzählungen / Bodo Uhse
Entstehung
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,, Ich bin hungrig. Hast du was zu essen?" fragte Struwe dann und öffnete schon den Küchenschrank.

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, Warum bist du nur gekommen?" sagte Hermann.

,, Hab ich dir das nicht klar genug gemacht?" meinte Struwe ungeduldig und schnitt ein Stück von dem Brot ab, das er gefunden hatte.

,, Schmalz ist unten im Herd", sagte Hermann. ,, Ein paar Bratkartoffeln kannst du dir aufwärmen, wenn du willst."

,, Nicht nötig", sagte Struwe kauend, aber er bückte sich und holte den Steinguttopf mit Schmalz aus dem Herd.

Er schlief in Marias Bett. Bevor er sich niederlegte, be­trachtete er den Spiegel.

,, Wie bist du denn dazu gekommen?" fragte er, während seine Hand über den Rahmen glitt. ,, Ebenholz und eingelegtes Silber!" Dann meinte er: ,, Du brauchst doch das Ding nicht."

Aber der Spiegel hatte es ihm angetan. Er betrachtete ihn wieder und wieder, auch in den nächsten Tagen, denn er blieb. ,, Ein hübsches Stück Arbeit", rühmte er und einmal hob er ihn gar ab und betrachtete ihn von der Rückseite. ,, Er paẞt doch hier nicht rein, stell ihn weg", schlug er ein anderes Mal vor. Aber er schwieg rasch, als er Hermanns zornigen Blick gewahrte.

Übrigens schien es, als wolle sich Struwe für die Dauer bei Hermann niederlassen. Er war ein ruhiger Mensch, mit dem gut auszukommen war, und er wußte sich nützlich zu machen. Da Hermann schlechterdings nicht zusehen konnte, wenn der Gast im Hause arbeitete, so sah die Wohnung bald wieder blank und sauber aus. Und Hermann glaubte manchmal, daß alles so sei wie in früheren Zeiten.

Doch wie in den alten Tagen war es natürlich nicht. Her­mann, dessen Gedanken sich viel mit dem so plötzlich wieder aufgetauchten Freunde beschäftigten, empfand sehr eindring­lich, daß auch Struwe nicht mehr der gleiche war wie vor

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