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Die heilige Kunigunde im Schnee : und andere Erzählungen / Bodo Uhse
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stand ein Mann. Im schwachen Licht des Hausflurs erkannte Hermann Stedig den früheren Arbeitskollegen.

,, Struwe?" fragte er verwundert. ,, Was machst denn du hier?"

,, Es ist kalt draußen", sagte Struwe und trat ein und zog die Tür hinter sich zu. ,, Ich will hier bleiben über Nacht." Feindselig maẞ Hermann das kräftige, noch junge Gesicht des Besuchers. ,, Dies ist kein Hotel", sagte er.

Struwe rieb sich die frostroten Hände. Er sagte: ,, Du wirst doch einen alten Kollegen nicht auf die Straße setzen, Mensch." Er klopfte Stedig auf die Schulter und ging voraus in die Küche. Hermann blieb hinter ihm auf der Schwelle stehen.

,, Hast du denn sonst keine Bleibe?" erkundigte er sich, noch immer voller Feindseligkeit. Struwe hatte sich auf der Bank neben dem Ofen niedergelassen und zog eine Grimasse über die Unordnung und den Schmutz ringsum, denn seit Maria gegangen war, hatte Hermann es wieder aufgegeben, das Haus sauberzuhalten.

,, Ich habe mir lange überlegt, was ich machen sollte", meinte Struwe. ,, Dreimal bin ich ausgebombt worden. Tat­sächlich, ich wußte nicht mehr, was anfangen. Dann zum Glück bist du mir eingefallen."

Auf Hermanns fragenden Blick fügte er hinzu: ,, Du weißt doch, wie das ist in unserer Bude. Die Kollegen reden über alles und jeden. Und dann arbeitet deine Frau bei uns. Ich wußte, daß du allein bist."

,, So, das wußtest du", sagte Hermann Stedig und dachte, sie reden also alle darüber, daß mir die Frau davongelau­fen ist.

Struwe nickte. ,, Ja", wiederholte er langsam ,,, ich wußte, du bist allein und dich lassen sie auch allein. Dir gehen sie aus dem Wege. Vor dir haben sie Angst, vor deinem Gesicht,

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