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Die heilige Kunigunde im Schnee : und andere Erzählungen / Bodo Uhse
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Bett liegen. Die nackten Arme unter den Kopf verschränkt, blickte sie zur Decke auf und an die von der Sonne bestrahlte Wand. So entdeckte sie den Nagel.

Was hat das nun zu bedeuten, dachte sie erst und rief Hermann, der in der Küche war., Wo ist der Spiegel?" fragte sie.

"

Er tat, als verstünde er nicht. ,, Welcher Spiegel?" sagte er und ging gleich wieder aus dem Zimmer. Mit einemmal wurde Maria alles zu viel. Da er nun wußte, wie es mit ihm stand, schämte sie sich vor ihm. Unerträglich war der Ge­danke, daß er sich in ihrer Schuld fühle. Sie warf ihre klei­der in einen Koffer und ging davon.

Marias Flucht erfüllte Hermann Stedig mit einer grim­migen Befriedigung. Nun war er allein und niemandem als sich selbst zur Last, und der Haken an der Wand verlor seine Lockung. Hermann hing den Spiegel daran auf und lebte weiter in dem Häuschen von der kleinen Rente, die ihm mit der Post zugeschickt wurde. Nur zu den nötigsten Einkäufen verließ er das Haus. Stets wartete er die Dunkelheit ab und die Kälte der Wintertage gab ihm einen guten Vorwand, sein Gesicht in einem Schal zu verbergen.

In solcher Einsamkeit verbrachte er den Winter, dessen Nächte immer häufiger vom Lärm der Sirenen, von krachen­den Bomben und blutroten Bränden zerrissen wurden. Her­mann Stedig saß dann in der dunklen Küche und hoffte heim­lich, daß eine Bombe sich zu ihm verirren würde. Aber das Haus lag zu weit entfernt von den großen Fabriken und vom Zentrum der Stadt. Das Schicksal hatte Hermann Stedig ge­zeichnet und nun hatte es ihn vergessen.

Eines Abends, er hatte sich schon niedergelegt, klopfte es an der Tür. In äußerster Erregung sprang Hermann auf: War es möglich, daß Maria zurückgekehrt war? Er warf den Mantel über und öffnete. Doch in der Dunkelheit draußen

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