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Die heilige Kunigunde im Schnee : und andere Erzählungen / Bodo Uhse
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Da erblickte er, zum erstenmal seit ihn das Unglück be­troffen hatte, sich selbst. Erst wollte er nicht begreifen, daß sein Bild ihm aus dem Spiegel entgegenstarrte. Welch eine Fratze war das nur! Das bin doch nicht ich, empörte er sich! Dieser blaurote Klumpen Fleisch mit dem grinsenden Mund­loch darin, das bin ich nicht!

Erschrocken schloß Hermann Stedig die Augen, aber er hielt den schweren Spiegel fest in der Hand. Als er ihm aus den zitternden Fingern rutschen wollte, stützte er ihn mit dem Stumpf des rechten Armes und trug ihn in die Küche. Dort stellte er ihn vorsichtig auf den Tisch an der Wand und setzte sich davor nieder.

Das also bin ich! sagte er sich nun. Er hatte gewußt, daß er entstellt war. Doch was aus ihm geworden war, in welch ein Ungeheuer er sich verwandelt hatte, davon hatte er nichts geahnt. Mit wieviel Geschicklichkeit hatte man ihn im Kran­kenhaus des Spiegels entwöhnt! Jetzt erst verstand er Jo­hannas Schrei, der ihm erneut in den Ohren gellte, und er verstand auch, warum die Fabrik ihr Versprechen nicht ein­gelöst hatte, ihn als Pförtner einzustellen.

So was, sagte er zu sich voller Haß, das muß man doch ein­sperren, das darf man nicht frei herumlaufen lassen! Und er lehnte sich zornig auf gegen Marias Geduld. Ihr Opfer konnte und wollte er nicht mehr annehmen. Er ging zurück ins Schlafzimmer und maẞ den Nagel mit prüfendem Blick. Er saß hoch genug in der Wand, daran war kein Zweifel. Aber ob er auch halten würde unter der Last seines schweren Körpers?

Da hörte er Maria im Vorplatz und verbarg den Spiegel rasch auf dem gleichen Platz, an dem er ihn gefunden hatte.

Es war ein Sonnabend. Den Sonntagmorgen benutzte Maria, um sich auszuschlafen. Sie wachte erst auf, als die Sonne schon ins Schlafzimmer schien. Eine Weile blieb sie noch im

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