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Die heilige Kunigunde im Schnee : und andere Erzählungen / Bodo Uhse
Entstehung
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mann Stedig für dieses Leben manches geopfert, was ein Mann sonst nicht so leichten Herzens preisgibt. Er war aus dem Sportverein ausgetreten, in dem er als Meister im Weit­sprung und im Langstreckenlauf ein angesehenes Mitglied gewesen war. Auch auf die männliche Unruhe und Unzufrie­denheit mit Arbeit und Lohn und seinem Platz in der Welt hatte er verzichtet und hatte die Freundschaften aus der Jung­gesellenzeit aufgegeben. Er hatte sich von seinen Arbeits­kollegen zurückgezogen und ihre Spötteleien mit überlegenem Lächeln bei sich abgetan: Wie können sie wissen, was ich in Maria und dem Mädchen, in dem kleinen Haus und seinem Gärtchen, in dem warmen, freundlichen Leben zu dritt be­sitze. So war er auch mit dem kurzbeinigen Struwe ausein­andergekommen, mit dem er eine Zeitlang vor seiner Heirat zusammengelebt, und den er wegen seiner Geradheit und seines entschlossenen Wesens besonders geschätzt hatte.

Vom häuslichen Glück und vom warmen, freundlichen Leben war nun nicht viel mehr geblieben. Auch der Nagel in der Wand hatte nicht ewig gehalten.

Und darüber wunderte sich Hermann Stedig eigentlich mehr als über die sonstigen miẞlichen Umstände seines Lebens, wie den Krieg und das Bombardement der Fabrik und den Brand, der ihm gefolgt war und ihn so verstümmelt hatte. Wie hatte der Nagel nur herausfallen können?

Kopfschüttelnd ging Hermann in die Küche, wo er den Werkzeugkasten unter der Bank hervorholte. Er kramte den Hammer heraus und fand nach längerem Suchen ein Stück Holz, um das Loch in der Wand auszufüllen und schließlich auch einen Nagel, der ihm kräftig genug erschien. Als der Nagel nach mancher Mühe endlich fest in der Wand saß, war Hermann stolz darauf, wie gut er doch schon mit der linken Hand allein zurechtkam. Er hob den schweren Spiegel auf und wollte ihn an seinen Platz hängen.

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