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Die heilige Kunigunde im Schnee : und andere Erzählungen / Bodo Uhse
Entstehung
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geschlagen. Seltsam, wie genau er sich noch an den Nagel

erinnerte.

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, Und nun der Spiegel! Wohin mit dem Prachtstück?" hatte er scherzend gefragt.

Es war ein sonniger Sonntagvormittag gewesen. Maria, voller Stolz auf das kleine Haus, das sie zu billigem Preis von der Fabrik gemietet hatten, hatte sich mit blanken Augen umgesehen.

,, Ich bin so glücklich, Hermann!"

,, Aber der Spiegel, Maria, wohin mit dem Spiegel?"

Die Entscheidung war ihr nicht leicht gefallen. Neben der Tür war nicht genügend Platz; an der Längswand war es zu dunkel gewesen.

,, Also dem Fenster gegenüber, ja, gleich neben dem Bett", hatte sie schließlich bestimmt. Aber auch das war ihr dann nicht als der rechte Platz erschienen.

,, Wieso nicht?" hatte er gefragt. Sie war rot geworden in ihrer Verlegenheit. ,, Wenn uns mal jemand besucht", hatte sie zögernd gesagt ,,, was sollen die Leute denken?"

Schließlich waren sie übereingekommen, daß der Spiegel natürlich über den Waschtisch gehörte. Sie hatte neben ihm gestanden, während er, den Nagel und den Hammer in der Hand, auf den Stuhl gestiegen war. Mit dem Nagel hatte er ein Kreuz in die frisch gekalkte Wand gekratzt.

,, Nun schau mal, ob das auch die Mitte ist", hatte er noch gefragt und dann fröhlich drauflos gehämmert, bis der Nagel tief in die Wand getrieben war.

,, So, der hält ewig", hatte er zufrieden gemeint, und ge­meinsam hatten sie den Spiegel aufgehoben und an den Nagel gehängt und hatten ihrem Bilde im silbernen Glase zuge­lacht. Wie eitel waren sie aufeinander gewesen in ihrer Ver­liebtheit, wie zufrieden in ihrem häuslichen Dasein, wie stolz, nachdem Johanna geboren war! Ohne Bedauern hatte Her­

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