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Die heilige Kunigunde im Schnee : und andere Erzählungen / Bodo Uhse
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hoffnungslose, ständig wachsende Niedergeschlagenheit er­

trug.

Doch je länger sich die Dinge hinzogen, ohne daß es mit ihm anders werden wollte, um so mehr schwand auch ihre Geduld.

,, Gar so nutzlos, wie du dir vorkommst, bist du noch lange nicht!" entfuhr es ihr einmal. Sie bereute das Wort, kaum daß sie es ausgesprochen hatte, denn Hermann zog, wie von einem Hieb getroffen, den Kopf noch tiefer zwischen die Schultern, als er es ohnehin schon tat.

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Gewiß fühlte sich Hermann in seinem Stolz getroffen, von dem trotz aller Demütgiung ein Rest geblieben war. Aber stärker noch als das Gefühl des Trotzes war in ihm die plötzlich erwachte Angst, er könne auch Maria verlieren. Aus dieser Angst wuchs in ihm ein neuer Lebenswille.

Schon am nächsten Morgen sah er sich nach Arbeit im Hause um. Zunächst wollte er das Geschirr abwaschen, doch glitt ihm ein Teller aus den Fingern und zerbrach. Er fand dann andere Dinge zu tun. Er reinigte den Ofen und putzte die Fenster. Maria bemerkte es sofort am Abend, und sie nickte ihm mit einem warmen Lächeln zu. Er tat, als nähme er es nicht wahr, aber er war sehr froh darüber und ging nun mit doppeltem Eifer an die Arbeit.

Zwei oder drei Tage darauf wusch er den Fußboden im Schlafzimmer auf. Er machte es gründlich, rutschte auf den Knien herum, bis der Rücken schmerzte und ließ keine Ecke aus. Dabei entdeckte er hinter der Waschkommode den Spie­gel am Boden. Der Spiegel war Marias besonderer Stolz, ein Erbstück von ihrer Großmutter mit schwerem, schwarz- silber­nem Rahmen.

Aufblickend sah Hermann, daß der Nagel fehlte, mit dem das Glas früher an der Wand befestigt gewesen war. Diesen Nagel, ein mächtiges Ding, hatte er selber ein­

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