Ich drehte das Licht an und griff nach einem Buch und beschloß, auf meiner Hut zu sein. So schlimm war es mit mir schon am ersten Abend, nachdem ich sie gesehen hatte.
Ich handelte auch nach meinem Vorsatze, als ich Steffie wieder begegnete. Unsere Stadt ist ja recht klein, man läuft einander unvermeidlich in die Arme. Ich begegnete ihr von nun an häufig, bald im Schützenhaus, wo ich meinen Kaffee trank, bald auf meinen wenigen Wegen in die Stadt. Ich nahm mich zusammen und verhielt mich sehr kühl zu ihr. Dabei schien sie sich zu freuen, wenn sie mich sah. Lernau tauchte wiederholt in meinem Atelier auf, und oft brachte er sie mit. Sie wurde gesprächig bei diesen Besuchen, die mir nun immer willkommen waren, sie fand sogar den Mut zu kleinen Neckereien. Doch darauf ging ich nicht ein. Ich versteckte mich hinter mein Alter wie hinter einen schützenden Wall. ,, Meine Kinder", redete ich sie an und hüllte mich in eine Pose der Väterlichkeit.
Ich spielte diese Rolle gut genug, um Lernau zu täuschen. Aber soweit ich mich selbst damit hatte behüten wollen, war es schon zu spät und vergeblich. Ich nützte meine Rolle aus, um Steffie möglichst nahezukommen; war es nicht selbstverständlich und nur natürlich, daß meine Hand ihr sorgsam die Haare aus der Stirn streichen durfte? Bald gab es kleine, harmlose Geheimnisse zwischen uns beiden, und von ihrer Seite ein herzliches Vertrauen. In kurzer Zeit wußte ich mehr von ihr und über sie, als Lernau je erfahren haben konnte, denn seine Eitelkeit machte ihn unaufmerksam. Sie glitt mir von Tag zu Tag mehr zu.
Damals sprach ich mit Lernau darüber, daß ich keine Bilder für die Frühlingsausstellung hatte. Das heißt, mein Atelier stand voll, doch schien mir keines der Bilder geeignet. Im Grunde spürte ich, daß ich in diese Ausstellung nicht gehörte. Lernau schlug halb im Scherze vor, ich solle Steffie
56
p
T
n
S
I


