Ich klappte den Block zu, mißmutig kehrte ich heim. Un­terwegs überlegte ich wieder, wo ich die Skizze nur hingetan haben könne, aber es wollte mir nicht einfallen. Endlich ver­warf ich meinen Plan, die Kunigundenbrücke zu malen. Ich gab es auf ohne rechten Grund. Dabei tat es mir leid, denn nun hatte ich keine feste Aufgabe für die nächsten Tage, und ich liebte Ordnung in meinem Leben.

Den Abend verbrachte ich untätig an meinem Fenster. Er hatte mit den Vorbereitungen ausgefüllt werden sollen, mit dem Aufspannen der Leinwand, der Auswahl der Farben und Pinsel.

Der kleine Fluß rauschte um das alte Mühlrad, dessen Bretter langsam dahinfaulten. Die Mühle wurde schon seit Jahren durch moderne Turbinen angetrieben, aber das Schüt­teln der Mahlgänge ließ noch immer den ganzen Bau zit­tern. Ab und an sprang ein Fisch aus der Flut und tauchte mit klatschendem Geräusch wieder ein.

Ich dachte an Lernau und seine Freundin. Wie verschieden waren sie doch! Unbeherrscht und herrschsüchtig zugleich war er, und er lieh sich, was er brauchte zu seinem Glanze, bedenkenlos von allen Seiten. Ich fühlte, daß ich mich vor ihm zu hüten hatte. Sie aber war voller Hingabe und Sanft­mut und gehörte nicht in diese Zeit. Ich versetzte sie in jene Jahre, da die Verse Rilkes und Hofmannsthals noch ein le­bendiges Echo gehabt hatten. Noch weiter zurück führte ich sie; hatten nicht Dehmel und Liliencron von ihr gesungen? Das waren die Dichter meiner Jugend.

Ich erschrak. Vom Fluß stieg der Nebel auf, und ich mußte das Fenster schließen. Frauen gingen mich bei meinem Alter wirklich nichts mehr an. Ich bedauerte, daß ich allein lebte. Ein wenig Zärtlichkeit hätte ich wohl noch geben können, aber den Liebhaber zu spielen, das paẞte sich nicht mehr für mich,

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