wußte, seit einiger Zeit ein junges jüdisches Mädchen versteckt hielt. Wie lange meine Angestellte die Ausgebombten beherbergen muß, ist natürlich völlig ungewiß. Da sie sie nicht kennt, hält sie es für richtiger, wenn das junge Mädchen mindestens vorläufig von ihr fortgeht. Nun wollte sie von mir wissen, ob ich ihr eine sichere Unterkunft nennen könnte. Ich habe ihr sofort meine Wohnung angeboten. Sie will Susi, so heißt die junge Jüdin, noch heute abend herschicken, weil es besser ist, man sieht sie gar nicht mehr bei ihr. Den Tag über hat sie sich anderswo aufhalten können, in der Verwirrung des gestrigen Abends hätte, wie sie meinte, niemand auf sie geachtet. Sie hätte sie auch ohne weiteres als Besuch ausgeben können, der durch den Alarm am Nachhausegehen gehindert worden wäre. Sie bekommen also eine Gefährtin, Maierchen, ich hoffe eine nette. Es ist Ihnen doch recht, ich konnte wirklich nicht gut anders handeln." Natürlich war ich einverstanden. Ich stellte einen Teil unseres Abendessens zurück und machte mich daran, auf der Couch im Herrenzimmer ein Bett für meine Schicksalsgefährtin herzurichten.-
Bald darauf klingelte es, Onkel Karl öffnete selbst und führte Susi herein. Sie mag etwa zwanzig Jahre alt sein, mittelgroß, hellblond und blauäugig, mit der schönen zarten Haut mancher Blondinen. Sie sieht ganz unjüdisch aus. Sie war zuerst sehr schüchtern, und man merkte ihr an, daß sie nur mühsam die Tränen zurückhielt. Aber Onkel Karl in seiner freundlich- humorvollen Art half ihr schnell über die erste schwierige halbe Stunde hinweg, und bald gewann Susi ihr Gleichgewicht und ihre natürliche Lebhaftigkeit wieder. Heute hatte ich Gelegenheit, mich eingehend mit ihr zu unterhalten. Sie hat schnell Zutrauen zu mir gefaßt. Sie ist vor einigen Wochen mit ihrer Mutter zusammen ,, untergetaucht", wie der Terminus technicus lautet, als sie aus allerlei Anzeichen auf ihre bevorstehende Deportation schließen mußte. Ihre Mutter fand im Haushalt einer Freundin Unterkunft, und Susi selbst lebte bis jetzt bei der
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